»Na, was denn?« frug diese von oben herab. »Wer freilich so dumm ist, wie du, hat keine.«

Das war mir sehr lieb zu hören. Ich wußte zwar nicht weshalb; aber es war mir angenehmer, zu denken, daß ich keine Seele habe. Es schien mir einfacher und besser, und gerade weil die andern alle eine hatten, gefiel es mir, keine zu haben.

Nach diesem Gespräch beruhigte ich mich und verwandelte mich wieder in den Hasen.

Bei solchem Phantasiespiel aber, das zum Zweck hatte, mich über die Beschwerlichkeiten der Schule hinwegzutäuschen, erging es mir oft übel.

Ich weiß, einmal packte mich der Rechenlehrer ganz desperat an den Schultern, um mich in die Ecke zu stellen. Ich aber, wild, bös und wütend, fahre mit beiden Händen in das Tintenfaß, das in die Bank eingelassen war, halte mich daran und schreie jämmerlich: »Rühr mich nicht an, rühr mich nicht an!«

Das war dem Rechenlehrer sehr einleuchtend. Er mochte nicht Lust haben, nähere Bekanntschaft mit meinen beiden schwarzen Tintenhänden zu machen – und ließ mich unangefochten sitzen. Die Mädchen aber flüsterten untereinander: »Die ist klug, die ist doch schlau.«

Das hörte ich und empfand, daß dies erste Lob aus dem Munde der Kameradinnen mir sehr wohl that.

»Führt sie hinaus und wascht ihr die Hände, damit sie nichts einschmiert,« rief der Rechenmeister, und ich fühlte, daß man mit Hochachtung mir behilflich war, die Spuren meines siegreichen Kampfes unschädlich zu machen.

Das aber blieb der einzige Lichtblick in meiner kurzen Schullaufbahn.

Die Lehrer straften mich beinahe nie, waren freundlich mit mir; in der Erinnerung ist es mir, als hätten sie eine sanftere Art mit mir zu sprechen angenommen, als mit den andern Mädchen; aber es war nicht das Rechte. Ich war und blieb bedrückt. Ich hatte keinen Erfolg aufzuweisen. Meine Hefte gab man mir gewöhnlich stumm, kopfschüttelnd zurück.