Wir hatten den Unterricht, wie ich schon sagte, im Hause Friedrich Prellers gehabt, des Malers der Odyssee. Und ehe wir noch aus der Thüre waren, kam er selbst, seine schwarzseidene gewirkte Kappe tief in die Stirn gezogen.
»Na Lenchen,« sagte er, »wo geht's denn hin?« Sein altes bedeutende Gesicht konnte vor Güte und Freundlichkeit strahlen.
»Ich nehme sie mit mir, sie muß einmal eine Strafe bei mir absitzen, Herr Professor!« sagte Herr Bräunlich würdevoll.
»Ja, in drei Teufels Namen!« – der alte Preller liebte solche kräftige Ausdrücke – »Lenchen, was ist dir denn eingefallen? Ja, es mag ein schweres Stück sein, mit solchen Mädels fertig zu werden. Machen Sie's nur gnädig, das Lenchen ist kein böses Mädchen.«
»Nein, das ist sie nicht,« sagte Herr Bräunlich, »aber das Abscheuliche an ihr ist, daß sie nichts lernt, daß sie faul ist. Dabei ist sie nicht so arg dumm und könnte alles besser machen; aber sie rührt sich nicht.«
»Lenchen! Lenchen!« sagte der alte Preller. »Fleißig muß man sein. Was denkst du denn – gottlob, daß du kein Junge bist!«
Ich war tief beschämt – an dem alten herrlichen Preller hing mein ganzes Herz. Er war so gut mit mir. Ich hatte das große Glück, wenn er abends still seine wundervollen Studien und Skizzenbücher und Zeichnungen durchblätterte, hin und wieder neben ihm sitzen zu dürfen, um mitzuschauen, und that dies mit Leidenschaft und Andacht.
Und er wußte nun so genau, wie es um mich stand! Verzweifelt ging ich neben Herrn Bräunlich die dunkle Belvedere-Allee entlang. Mein Laternchen leuchtete mir und ihm.
Das Herz schlug mir angstvoll. Ich wußte, daß ich es nie zu Hause gestehen würde, was mich getroffen, und noch einmal solch eine Schmach verschweigen, ging auch nicht. Es war beides unmöglich. Beides wollte ich nicht. Also blieb nur ein drittes übrig. Das war einfach und überstieg meine Rechenkunst nicht. Es durfte nie bis dahin kommen, daß Herr Bräunlich mich mit zu sich hinaufnahm. Ich hatte ja Beine – und was für flinke. Gottlob! dachte ich.