Der Religionsunterricht gestaltete sich vortrefflich, mein ganzes Herz ging mir auf. Denn der Ballast von alle dem Gelerne, Aufgesage fiel weg. – Mein Pastor plagte mich nicht mit Gesangbuchsliedern. Wir unterhielten uns, er hörte geduldig meine Fragen, meine Einwendungen, wir kamen auf dies und jenes zu sprechen. So kam es auch einmal, daß er aufstand, an den Bücherschrank ging und den Faust herausholte.
Noch nie hatte ich einen Blick hineingethan, und er begann zu lesen. Er las lebhaft und hinreißend.
Ich saß vor ihm, wahrhaft entrückt. Da öffnete sich die Thür, und die Frau Pastorin trat ein und blieb, als sie hörte, was hier vorging, mit offenem Munde in der Thür stehen.
»Ja, was fällt dir denn ein?« rief sie. »Du sollst ja Religionsstunde halten – das ist nicht recht von dir – das ist nichts für das Kind.«
»Nun, ich dächte, das könnte ihr nichts schaden,« sagte mein Pastor ganz kleinlaut, »stell' dir vor, dieses Mädchen kannte den Osterspaziergang noch nicht einmal!« rief er und schlug das Buch zu.
Die Frau Pastorin erklärte, daß sie dies für kein Unglück halte – »und du hast es nun ja auch nachgeholt,« sagte sie.
Noch denselben Nachmittag rief mich die Frau Pastorin und las mir, jedenfalls als Gegengewicht, aus einem Buche vor, das die Geschichte der Märtyrer poetisch behandelte. Zu diesen Vorlesungen fand sich eine alte nette Dame ein, und beide Frauen gaben sich den Schicksalen der Märtyrer mit außerordentlicher Begeisterung hin. Die Frau Pastorin saß manchmal wie verklärt da, und die alte Dame auch.
Die Dame fragte mich, ob dies nicht eine herrliche, gottbegnadete Zeit gewesen sei, und ob ich mir etwas Wundervolleres vorstellen könnte, als als Märtyrer zu leben und zu sterben.
Mir war es etwas beängstigt zu Mute, und ich wagte zu sagen, daß es jetzt doch wohl keine Märtyrer mehr gäbe.