Der neuen Tochter sah das ganze Haus Kirsten mit Bangen entgegen.
Die Brüder wollten am wenigsten von ihr wissen. »Ich mein',« sagte der älteste, »wir hätten Weibsleute genug. Röse und Marie zählen doppelt.«
Die Mutter verwies ihnen streng solche Reden. Aber auch sie sah dem fremden Mädchen bänglich entgegen. Würde es ihr bei ihnen gefallen? Würde sie mit ihren Kindern Freundschaft schließen? Sie wollte ihr eine gute Mutter sein, aber würde das ernste Mädchen zu ihr Vertrauen haben? Auch die katholische Religion machte sie besorgt. Es war alles gar zu fremd.
Herr Rat Kirsten war der einzige, der es für gut fand, keinerlei Aeußerung zu thun. Das war seine Art so. »Also du machst ja wohl alles und richtest es ein.« Das war das einzige, was er über diese Angelegenheit zu seiner Frau sagte.
Frau Rat Kirsten und die Ratsmädchen aber reinigten das ganze Haus, vom Keller bis zum Boden, und richteten miteinander das Bett der neuen Schwester in der großen Dachstube, in der die Ratsmädel schliefen.
»Seid recht gut und freundlich mit ihr,« ermahnte die Mutter. »Sie muß bei euch schlafen, denn ihr müßt wissen, daß sie Schweres durchgemacht hat, und die traurigen Gedanken kommen über Nacht.«
Die Ratsmädel versprachen alles, was die Mutter von ihnen verlangte, und waren des besten Willens voll.
So kam der Tag heran, an dem sie die Schwester erwarten konnten. Ist sie groß oder klein, braun oder blond? Das waren die Fragen, die sie nicht beantworten konnten, denn die Großmutter hatte nie von Barbaras Aussehen ein Wörtchen geschrieben.
Aber beide waren der Meinung, daß sie groß sein müsse.