Da öffnete sich die Thür, und der Vater trat ein. »Ich bring' sie euch,« sagte er mit einem merkwürdigen Ausdruck im Gesicht.
Da stand die Schwester auf der Schwelle: klein, zierlich, aber reizend, – flachsblond. Sie steckte in einem schwarzen, engen Kleid und trug einen großen, schwarzen Holländerhut.
Röse und Marie waren ganz aus dem Gleichgewicht gekommen. – »So ein Geschöpfchen! So ein Püppchen!« dachten sie.
Jetzt lag das zarte Mädchen schon in Frau Rats Armen, und jetzt gab sie den Schwestern die Hand und bot ihnen den feinen Mund zum Kuß.
Röse hielt das fremde und doch so nahverwandte Händchen nachdenklich zaghaft in der ihren. »Was für Knöchelchen!« dachte sie. »Wie ein Rebhuhn.«
Sie banden ihr den Hut ab; drunter war feines Härchen, zierlich aufgesteckt.
»Mein Himmel, seid ihr Riesen dagegen!« rief die Mutter; und die beiden waren doch gar nicht übermäßig groß. Sie schaute lächelnd auf ihre Mädchen, die ziemlich verblüfft, aber voller Teilnahme jetzt neben der neuen Schwester standen. Sie sahen wie die Kraft selber aus, die Schelme, die sich auch jetzt, wie immer, zu einander neigten, weil sie gewohnt waren, sich alle Augenblicke etwas Wichtiges mitzuteilen. Diese zwei Schelme mit den rosigen Gesichtern, den sternklaren, dunkel bewimperten Augen, mit den um Stirn und Nacken ganz fein geringelten Härchen, die das Haar selbst weich in die Haut vermittelten; mit den runden Wänglein, den kecken, aber feinen Näschen, den unruhigen Schwatzmäulchen und den anmutigen Gestalten; mit den festgefügten, aber feingebauten Beinchen, die unter den kindlichen Röcken so deutlich daherschritten.
Jetzt standen beide Mädchen ganz gerührt da.
Sie machten sich mit der älteren Schwester wieder zu thun, rückten ihr den Stuhl, und Marie führte sie an den Tisch. Die Schwester bat, ob sie sich erst die Hände waschen dürfe. Marie ging sogleich zur Mutter und fragte dringlich nach einem Stück Mandelseife.
Und die Mutter gab es ihr aus der Kommode.