Er wollte etwas darauf entgegnen.
»Nein, nein, lassen Sie's!« Sie gab ihm die Hand zum Abschiede. »Man muß der Wahrheit die Ehre geben. Ich bin schon ein bisserl langweilig.«
»Liebes, gutes Herzensdemoisellchen!« sagte er.
»Und empfehlen Sie mich Ihren Eltern.«
Die Waben stand noch eine ganze Weile im stillen, dunklen Hausflur und hörte ihr liebesseliges Herz schlagen.
Am andern Morgen war ein ganz gewaltiges Treiben im Kirstenschen Hause und in der ganzen Stadt Weimar, denn es war der große Tag, an dem abends im Schlosse der große Maskenzug zu Ehren Ihrer Majestät der Kaiserin-Mutter, Maria Feodorowna, vor sich gehen sollte.
Die Waben hatte bei Schopenhauers, wie daheim, nichts weiter gehört und gesehen, als Vorbereitungen zu diesem großen Feste. Allen schönen und weniger schönen Mädchen und Frauen aus der weimarischen Gesellschaft war das große Ereignis, daß sie Goethes Verse vor einer Kaiserin sprechen sollten, zu Kopf gestiegen. Und die ganze weimarische Gesellschaft hatte seit Wochen etwas merkwürdig Papageienhaftes bekommen; es schnatterte oder deklamierte mit ängstlichem Pathos in jedem dritten Hause irgend wer irgend etwas, ohne Ende dasselbe, immer wieder von Anfang an; unermüdlich, zum Haarausraufen. Jeder und jede war wochenlang von dem Schreckgespenst, in dem bevorstehenden bedeutenden Unternehmen mit »Steckenbleiben« Unheil anzurichten, wie von einem Alpdruck besessen; nur das wütendste Deklamieren gab eine gewisse Beruhigung.
Jeder erzählte Wunderdinge von seinem Kostüm, von den Proben, die Goethe selbst überwachte.
Das Ganze sollte ein unerhört pomphaftes und vornehm gespreiztes Ansehen bekommen, wie noch nie etwas derartiges zu stande gekommen war. Die weimarische Glorienzeit sollte darüber liegen wie eine schwere, duftende Weihrauchwolke; die Weimaraner sollten in ihrer eigenen Herrlichkeit wahrhaft waten, aber mit graziösem Anstand.