Die Gäste kamen schließlich laufend auf ihre Wirtin zu, und auch das Pferdchen wurde dazu veranlaßt, einen gelinden Trapp anzuschlagen. Nun allerausführlichste Begrüßung, Umarmung, jedes bekam seinen festen Kuß von der Frau Gutsbesitzerin.
„Nun, mein Alter wird Augen machen, wenn er Euch in den Kränzen sieht,“ sagte sie und betrachtete die Mädchen. „Seht nur einer, Klatschrosen! Ja, die Jugend! Die liebe Jugend! Die verdammten Klatschrosen! Und hier machen sie sich, ja, alles hat seinen Zweck auf Erden!“
Sie klopfte Röse auf die Wangen. „Aber habt Ihr denn gesehn,“ sie wies auf Rösens Kranz, „was das Zeugs dies Jahr gediehen ist? Da stecken ja die Felder voll zum Erbarmen. Na, der Alte wird Augen machen,“ schloß sie wieder. „Wo habt Ihr denn den Klepper her?“ begann sie aufs neue und klopfte dem Pferdchen auf die Schenkel, „der soll sich wundern, wie es ihm diese Tage gehen wird. Du alter Häckselsack,“ und wieder bekam das magere Viehchen einen freundlichen Klapps von seiner Wirtin, der gleichbedeutend war mit einer Anweisung auf ein paar tüchtige Metzen Hafer. Jetzt traten sie in den Gutshof ein.
Das war ein Gutshof! Jeder Mensch, dem Gott wohl will, sollte in schönen Jugendtagen einmal auf solch einem Gutshof ein paar Tage, ein paar Wochen gewesen sein, damit er wenigstens weiß, was Behagen, was Fülle, was Sauberkeit, Nützlichkeit, was gesunder, kräftiger Geruch, was schönes Vieh in gut gepflegten Ställen, was Wohlhabenheit und Stattlichkeit ist; damit er erst begreifen lernt, welche Harmonie zwischen dem schön geschichteten Misthaufen und der hohen, breiten Linde auf solch einem Hofe besteht, wie sie beide miteinander ein Ganzes bilden, einen einzigen Eindruck.
„Da kommt er ja, mein Alter,“ rief die muntere Herrin des schönen Hauses, und richtig, aus dem Laubengang, der um das Wohnhaus führte, trat der alte Sperber, der wunderlich gut zu seinem Frauchen paßte.
Auch er war eine kurze, rundliche Gestalt, wie es schien, behende, denn auch er bewillkommnete die Gäste schon von weitem mit den lebhaftesten Bewegungen, und wie die Frau das Schlüsselbund, so schwenkte er die große Tabakspfeife. Sein Gesicht hatte eine stark rötliche Färbung und leuchtete vor Behagen.
„Da kommt ja die Gesellschaft!“ rief der alte Sperber, als er schon unter der Bande stand. „Ihr habt’s gut gemacht, daß Ihr Euch Zeit genommen, unser Jochen Henner hat Euch ja vor so ein sieben Stündchen in Lützendorf getroffen, danach erwarteten wir Euch um eins, zwei herum.“
Der behagliche Alte zog seine dicke Uhr und hielt sie Budang unter die Nase. „Und was zeigt’s jetzt? Jetzt geht’s stark auf achte. Ihr mußtet dem Klepper wohl oft zureden, he? oder was habt Ihr denn eigentlich gemacht? Das ist ein miserables Vieh, wie kommt Ihr denn dazu?“
„Das ist Ernst sein Reitpferd,“ sagte Röse einigermaßen pikiert. Sie fand, daß das Pferdchen gar so übel nicht war, und daß sich Ernst oft sehr stattlich, wenn man nur den rechten Standpunkt hatte, darauf ausnahm.
„I, der Tausend, wohnt bei Euch in der Stadt ein närrisches Volk, wenn man das ein Reitpferd nennt! Meinetwegen!“