Er rief einen Knecht herbei und befahl ihm, „das Reitpferd“ in den Stall zu führen und abzuladen, und ging mit seinen frischen Gästen dem Hause zu.
„Schade, das ganze Gesindel kann nicht bei uns unterkommen, wir haben Euch beide, da — Euch beide“ — er wies auf Röse und Marie. „Ihr müßt eben zum Pfarrer, weil Ihr die Frau kennt; schlimm genug für Euch.“ Das murmelte er in den Bart und paffte blaue Wölkchen aus seinem Pfeifenkopf. „Sapperlotsches Volk, die Pastors,“ brummte er. „Aber jetzt wollen wir erst bei einander sitzen. Übrigens seid Ihr nur für die Nacht dort untergebracht. Am Tage werde ich mich hüten, Euch drüben zu lassen in dem Gewirre. — Teufel auch, es ist kein Spaß, dort unterkriechen zu müssen.“
„Uns macht es nichts aus, und wenn sie dort noch mehr hätten,“ versicherten die Mädchen. Es handelte sich hier um den großen Kindersegen des Pfarrhauses, das durch diesen Umstand für den Gutsbesitzer Sperber, der über alles seine Behaglichkeit und Ruhe liebte, etwas Unheimliches hatte.
Er verehrte den würdigen Pfarrherrn. Er war ihm ein angenehmer Begleiter, um mit ihm über Land zu gehen.
Sie spielten Tarok miteinander; doch bei allem, was er mit dem Pfarrer vornahm, mußte dieser durchaus von den Seinen isoliert sein. Ja, der alte Sperber vermied es sorgfältig — nur in den dringendsten Fällen machte er eine Ausnahme — sich nach des Pfarrers Frau und Kindern zu erkundigen. Er bestritt auch auf das heftigste und wiederholt gegen seine eigene Frau, daß er wisse, ob der Pfarrer zehn, dreizehn oder siebzehn Kinder habe, trotzdem er von der kleinen Gutsbesitzerin mit der Anzahl dieser armen Kinder auf das nachdrücklichste und eindringlichste, so oft er fragte, bekannt gemacht worden war. Er wollte es nicht wissen und damit basta!
Der Pfarrer hatte nach dem Tode seiner ersten Frau zur Lebensgefährtin eine Elementarlehrerin gewählt, die auch unsere Ratsmädel einmal unter der Fuchtel gehabt und die sich jetzt zur Beherbergung ihrer beiden früheren Zöglinge erboten hatte.
Als der Pfarrer dem Gutsbesitzer vor einigen Jahren seine in Aussicht stehende Verbindung mit dieser würdigen Person anzeigte, mit besonderer Hervorhebung eben dieser Eigenschaft, „der Würde“, sah der Gutsbesitzer ihn gleichgültig an, sagte: „Bon“, pfiff ein Stückchen, um vielleicht anzudeuten, daß der gegenwärtige Augenblick ihm von außerordentlicher Gleichgültigkeit sei.
Das Gutsbesitzerpaar hatte den einzigen Sohn in der Kriegszeit verloren.
Er war fürs Vaterland gefallen, und die beiden Alten hatten den Verlust tapfer getragen. Das schöne Gut war ohne Erben; aber sie zeigten sich beide gelassen darüber, hatten ihre Einrichtungen getroffen, Stiftungen bedacht und trugen ihren Kummer nicht zur Schau, hatten sich wohl auch damit auf eine gottergebene Weise abgefunden und lebten in Wohlgefallen aneinander ganz behaglich.
Das Abendessen, das die junge Gesellschaft bei ihren Wirten erwartete, zeugte von ländlichem Überfluß an den Dingen, womit die Leute unten in Weimar sparsam umgehen mußten.