Röse und Marie hatten seit jeher den Eindruck von dem Gute des alten Sperber gehabt, als wäre in Wahrheit hier das Land, in dem Milch und Honig fließt.

Bis in die Baumblüte hinein erhielt die Frau Gutsbesitzerin die besten Äpfelsorten noch so frisch und schmackhaft wie um Weihnachten und konnte ihren Gästen immer Überraschendes, Ausgesuchtes vorsetzen. Die alte Sperber hatte ihre ganz besonderen Geheimnisse, hinter die sie niemanden so leicht kommen ließ. Sie buck berühmte Kuchen, und in welchen scheinbar unvertilgbaren Massen! Rats hatten so manche Kiste, vollgepackt mit verlockenden Dingen, zu allerlei Festen und zur Kirmeß von der Frau Pate, wie die Gutsbesitzerin in der Wünschengasse benannt wurde, geschickt bekommen.

Und das Bild der Frau Pate stand Marie und Röse vor der Seele, stets umgeben von den verlockendsten Produkten ländlicher Koch- und Gartenbaukunst.

Während des Abendessens war man äußerst heiter, der Abendglanz des sonnigen Tages, den die junge Gesellschaft in aller Muße im Freien zugebracht hatte, in sorglosem Behagen, lag noch über den Gesichtern ausgebreitet, und die Stimmung aller schien wie von klarer Sommersonne durchdrungen.

Nachdem sie allen Herrlichkeiten gründlich zugesprochen, spielten sie in der großen Laube vor dem Hause Pfänderspiele; zwei junge Leute, die auf dem Sperberschen Gute ihre Lehrjahre durchmachten, fanden sich noch zu den übrigen, und mitten unter der ausgelassenen Jugend vergnügte sich das Gutsbesitzerpaar auf das beste.

Die beiden Ratsmädel befanden sich in einem Taumel von Vergnügen. Der Gutsbesitzer that mit, als gehörte er zu dem jungen Volke und gewann bei den Pfändern auch wohl einen Kuß von den Mädchen.

Röse, der Schelm, war hellsehend genug, ihre Küßchen keineswegs für etwas Gleichgültiges zu halten.

Bei einer Gelegenheit, wo es zweifelhaft erschien, ob der Wirt solch einen artigen Gewinn gemacht hatte oder nicht, und man sich darüber stritt, sagte Röse, um die es sich handelte, zu Budang und Franz Horny: „Das nehmen wir bei dem guten Sperberchen nicht so genau, Ihr seid mir die Rechten, so zu streiten,“ damit sprang Röse auf und fiel dem alten Gutsbesitzer um den Hals und küßte ihn auf das anmutigste. „Du Prachtmädchen, Du,“ sagte der gute Sperber und drückte das liebe Geschöpf gerührt an sich. „Ja, so ein Töchterchen zu haben!“ murmelte er und strich Röse über das dichte blonde Haar. „Ja, meine Alte!“ und er nickte seiner Frau mit feuchten Augen zu.

Als Röse zu Marie und Budang trat, blickte die Schwester sie unzufrieden an. „Siehst Du, Röse,“ sagte sie, „was mußt Du denn den Leuten die Nase lang machen. Ich glaub’s wohl, daß sie sich für ihr Gut ein paar Mädchen wünschen oder auch ein paar Jungen. Nun hast Du den beiden das Herz schwer gemacht.“

„I, gar. Na, Budang,“ sagte Röse mit schon von Thränen unsicherer Stimme, „nun siehst Du einmal, wie Marie sein kann.“