Hier war das Ende schnell erreicht. Eines nach dem andern warf sein Hemdchen den Mädchen an die Köpfe und freute sich seiner Nacktheit ganz augenscheinlich.
Der Lärm wuchs, die Lage der Mädchen wurde wahrhaft bedrohlich, denn es zerrte und riß an ihnen von allen Seiten.
Mit einem Male fing Fritzens Husten an. Der unglückliche Schlingel huckte sich an einem Bettpfosten nieder und würgte und keuchte zum Erbarmen. Marie machte sich von dem zudringlichen Schwarm los, wickelte den armen Jungen in ein Kittelchen ein, setzte ihn auf eine Bettdecke, daß er doch etwas Behaglichkeit hatte und ging zurück, Rösen zur Hülfe, die eben einen ungefähr achtjährigen Ruhestörer in der Mache hatte, ihn mit Schlapps und Bengel auf das freigiebigste traktierte. „Schlapps“ schien den Pfarrerskindern ein neues, verheißungsvolles Wort zu sein, denn im Chor wurde es freudig wiederholt. „Ihr seid selbst ein Schlapps!“ rief ein kleiner Dicker, zu den Mädchen gewendet.
„Ja, sie sind Schläppse!“ rief es von allen Seiten. „Das sind Schläppse!“
„Ihr seid ein unerhörtes Volk,“ räsonnierte Röse dazwischen; „das ist ja eine miserable Wirtschaft bei Euch.“
„Ja, Schlapps! Ja, Schläppse!“ schrie es wieder durcheinander, quikend, lachend, sprudelnd.
Jetzt schien der Höhepunkt, der diese Nacht unter den obwaltenden Verhältnissen zu erreichen war, erreicht zu sein. Der arme Fritz hustete, weinte und lamentierte aus vollem Halse, und die von menschlichen Leiden unbehelligten Bälger trieben ihre Ausgelassenheiten und Frechheiten unentwegt weiter, und zum Überfluß entwischten noch zwei, liefen zur Thür hinaus in den monddurchschienenen Garten. Röse ging ganz erschreckt in ihrem Röckchen den beiden Flüchtlingen nach, durch den Mondschein, über den großen Rasen im Garten. Der Tau rann ihr über die bloßen Füße, das Unbehagen, so nachts im Pfarrgarten zu stehen, trieb sie, umzukehren, ohne die Ausreißer mitzubringen, die sie wie Gespensterchen im Mondschein zwischen den Büschen hüpfen und aufschimmern sah. Sie war noch nicht lange wieder eingetreten und hatte kaum auf dem Bette neben Marien Platz genommen, als die Thür aufging und eine mächtige, gespenstische Gestalt in einem dunklen, faltigen Mantel und einer Schirmmütze eintrat. Neben dieser Gestalt tauchten in derselben Thür die beiden Ausreißer auf.
„Marsch, in die Betten,“ sagte das Gespenst in ruhigem, sachgemäßem Tone und auf eine Weise, als wäre es ihm nichts Neues, um diese Stunde hier ein und aus zu gehen. „Allons, allons, wird’s bald, Ihr boshaftes Volk!“
„Du, das ist der Nachtwächter,“ sagte Röse, „da hat er ja sein Horn.“
„Herr Jesses, ja,“ flüsterte Marie und schlüpfte unter die Decke.