Als alles in Frieden lag, wendete sich der Nachtwächter, der vollkommen unterrichtet zu sein schien, an Röse und Marie und sagte: „Die Jungfern sind da in etwas Schönes hineingeraten. Ich dachte mir es gleich, daß es heute Nacht schön hergehen würde und bin darum schon zeitig gekommen. Ich sah vorhin die Jungfer auch im Garten stehen und wußte schon, wie es hier zuging.“
„Kommt er denn jede Nacht herein?“ fragte Röse.
„Ja, ja,“ sagte der Nachtwächter, „sonst ging’s wohl nicht. Ich komme gar oft und schaue nach, Stunde für Stunde; aber nichts für ungut, ich werde mich schon vorsehen, daß die Jungfern jetzt schlafen können.“
So zog der Nachtwächter ab, und die Pfarrerskinder versanken in einen respektvollen Schlaf, den ihnen die würdige Erscheinung der hohen Obrigkeit eingeflößt hatte. Und auch Marie und Röse fanden endlich Ruhe und bemerkten nicht, wie allstündlich, bis die Sonne aufging, der Nachtwächter die Runde durch das große Schlafzimmer machte, die Decken der Pfarrerskinder zurechtrückte, wie er auch vor dem Bette der Ratsmädchen stehen blieb und wohlgefällig auf sie hinblickte. Sie hörten auch nicht, wie er jedesmal, wenn er aus dem Hause trat, in sein Horn tutete und sein Lied absang. Das war Bestimmung des Pfarrerpaares, das dadurch des Nachtwächters Umschau im Schlafzimmer kontrollieren konnte.
Er tutete aber auch an keiner Stelle des Dorfes mit der Befriedigung und dem schönen Bewußtsein der Pflichterfüllung, wie in dem Garten des Pfarrers.
Als der Nachtwächter nach seinem ersten Rundgange auf die Landstraße trat, stand der Mond in vollster Klarheit am Himmel, schimmerte über die Felder und über das Dörfchen, das in sanfter Ruhe im Silberlichte lag, in dem jetzt auch das unruhigste Haus, das dem Frieden des guten Dorfes Abbruch gethan, durch den Nachtwächter beruhigt und eingeschüchtert worden war.
Am frühen Morgen schlüpften die beiden Mädchen in die Kleider als hätten sie gestohlen und machten sich eiligst aus dem Staube, ehe alles im Haus zum Leben erwachte. Sie banden sich die Schuhe in ihrer Hast auf der Dorfstraße zu. Als sie in den Gutshof traten, kam ihnen Budang entgegen. „Na, wie habt Ihr denn geschlafen?“ rief er.
„Da schlaf’ einer,“ bekam er von Röse zur Antwort, „das sind ja miserable Zustände dort!“ Jetzt kam auch der alte Sperber auf sie zu, schlug die Mädels zum Morgengruß auf die runden Schultern:
„Pastors Kinder und Müllers Vieh