Die Mädchen hörten es und schlüpften eiligst in ihre Kleider und standen bald erwartungsvoll draußen vor der Thür.

„Macht Euch fertig,“ rief Franz Horny, mit der Miene, als käme er, etwas Herrliches zu verkünden. „Macht Euch fertig, wir gehen heut’ alle miteinander hinunter nach Weimar ins Theater. Wir wollen uns schon hineindrängeln, da seid ohne Sorge. Sie geben ein neues Stück von Goethe, den ‚Tasso‘.“

„Wir sind dabei,“ meinte Marie. „Und wer wollte Rösen erst nicht mitnehmen?“

„Laß sein! Die kommt natürlich mit. Flöten-Lobe wird uns schon wieder einlassen!“

„Flöten-Lobe?“ fragte Röse gedankenlos.

„Ja doch,“ antwortete Horny.

Daß es jedermann genau wisse: Etliche Thüren und Pförtlein im Theater wurden besonders geschlossen, und ein junger Musiker hatte die Aufsicht, er hieß Lobe, blies die Flöte, folglich „Flöten-Lobe“.

Diesen verband eine warme Freundschaft mit unseren Helden, und diese Freundschaft vermochte ihn, der Kasse des Theaters ein Schnippchen zu schlagen, so daß die leichtsinnige Gesellschaft auf Schleichwegen ihre Kunstgenüsse umsonst hatte, was bei einem Kunstgenuß von schöner und bedeutungsvoller Wirkung ist.

Wären die Ratsmädel auf bezahlte Theaterplätze angewiesen geblieben, da hätte es windig damit ausgesehen; aber deshalb, weil sie zwei schlimme Schmeichelkatzen waren und mit aller Welt anbanden, und weil sie so viele gute Freunde hatten, saßen sie im Theater, wann sie Lust spürten, hörten die herrlichsten Dinge, sahen vielberühmte Menschen — und gaben nie einen Heller dafür aus.

Heute also wurde ‚Tasso‘ gegeben. Das war unsern beiden recht. Besonders wohl weil sie fürs Leben gern etwas Neues sahen.