„Ich hab’s immer gesagt: das ist auch ein großes Tier,“ meinte Röse; „da wird ja wohl auch die Schopenhauerin einmal mit ihm zufrieden sein, wenn er sich mit Goethen so niedlich macht. Die Adele hat’s von mir zu hören bekommen, daß ich es unausstehlich finde, wenn sie an ihrem Bruder ewig herumnörgelt.“
Die beiden Damen Schopenhauer waren, wie stadtbekannt, in einer unausgesetzten Unzufriedenheit mit dem Sohne und Bruder Arthur, mißtrauten ihm in allen Dingen; seine Neigung zur Philosophie, sein Aufgehen darin erschien ihnen höchst sonderbar und wenig versprechend. Sie hielten nicht viel von seinen Bestrebungen, drängten sich ihm als Vorbilder auf und behandelten ihn nur als enfant terrible. „Alles an ihm ist beängstigend, selbst seine Wahrheitsliebe, mit der er einem wie mit einer Bürste unter die Nase fährt,“ sagte seine Mutter von ihm, und derlei Aussprüche der Mutter mochten wohl mit schuld daran sein, daß man ihm in ihren Gesellschaften wenig liebenswürdig entgegenkam. Er saß gewöhnlich allein und unbeachtet, auf das sonderbarste in einen Stuhl hineingeräkelt, und schien sich um niemanden zu kümmern.
An dem Abend aber, als er die Ratsmädchen auf der Treppe beinahe umgerannt hatte, näherte er sich ihnen: „Nun, Ihr Haareulen,“ sagte er, „wie geht’s? — Wie steht’s? Ihr seid ja gut ausstaffiert, sorgt nur dafür, daß es nachher, wenn Ihr eingefangen habt, was Ihr einfangen werdet, und die goldenen Fahnen davon geflattert sind,“ er schnippte leicht in Rösens Haar mit dem Finger, „daß es dann nicht gar zu übel um Euch und die, die mit Euch leben müssen, steht. In der Jugend geht alles an, die hat ihre Zwecke, da mag es sein; aber pfui Teufel, alte Weiber, da hat es seine Gefahr, da kann alles unerträglich sein. Denkt daran, daß Ihr alte Weiber werdet, und sorgt schon jetzt vor, daß es dann leidlich mit Euch auszuhalten sei. Schwatzt nicht, und wenn es jetzt noch so niedlich klingt, später ist es das nicht mehr, — ist unausstehlich, horrend! Seid anspruchslos, des Alters wegen. Anspruchsvolle alte Weiber, — grauenhaft! Soviel wie ein altes Weib geben kann, auf soviel hat sie Anspruch im Entgegennehmen, versteht Ihr? Verflucht wenig!“ Die Ratsmädchen hörten ihm verwundert und lächelnd zu. „Versucht“, brummte er, „ob Ihr es fertig bringt, Euer lebelang freundlich zu bleiben und mitleidig! Diese zwei Dinge können versöhnen. Nebenbei sparsam und fleißig. Was ich Euch hier sage, ist vernünftig und klug, wenn es Euch auch dumm vorkommt. Hört auf einen, der klüger ist, als der übrige Haufe, und Ihr bekommt’s nicht alle Tage zu hören! Mit der Jugend nimmt’s rasch ein Ende. Heut seid Ihr vierzehn und fünfzehn und nächstes Jahr sechzehn, dann kommt langsam siebzehn, achtzehn, neunzehn. Seid Ihr erst zwanzig, dann geht es mit Riesenschritten: fünfundzwanzig, dreißig, fünfunddreißig — fünfzig, hu!“ und der kleine Mensch mit dem großen Kopf schnitt eine greuliche Fratze.
„Unrecht hat er nicht,“ sagte Röse, als er wieder von ihnen gegangen war. „Aber wenn man sich denkt, daß es ein junger Mann ist, der so spricht, dann kommt einem die Sache doch närrisch vor.“
„Abgeschmackt,“ urteilte Marie.
„I gar, das nicht,“ bemerkte Röse tiefsinnig.
Und sie hatte sich die Worte des wunderlichen Menschen fürs Leben wohl gemerkt. Als die Jugend von ihr gewichen war, die goldenen Fahnen eingezogen, da blieb die reine Freundlichkeit, Anspruchslosigkeit zurück, eine unerschöpfliche Güte, mit der sie bis in das hohe Alter Haus und Familie, Kind und Kindeskinder, beglückte und rührte. Es blieb ein Wesen zurück, aus lauter Liebe gestaltet. Ich weiß nicht, wie ich es nennen soll, ein altes Weib wurde unsere Röse nie; sie wurde so wenig alt, als Güte und Anspruchslosigkeit je alt werden können. Wir nennen sie noch heute unser „Gomelchen“. Der Name ist gekommen, ich weiß nicht wie. Er entstand, um etwas zu benennen, für das sich kein Name eingestellt hatte, für etwas, das lauter Heiterkeit, Liebe, Liebenswürdigkeit, Innigkeit, Frische und die Güte selbst ist. Sie wurde ein „Gomelchen“, wie schon gesagt, nie alt, kein Mütterchen, „ein Gomelchen“, nichts anderes. Der Philosoph hatte den herrlichen Mädchen wohl, weil er Mitleid mit ihnen fühlte, einen Zauberspruch fürs Leben mitgegeben, der sie vor dem Alter schützen sollte; diesen Spruch: „Immer an das alte Weib denken“, hat Röse zu jeder Zeit wohl im Herzen behalten.
Doch habe ich jetzt fünf, sechs, sieben Jahrzehnte vorgegriffen, in Zeiten hinein, die den Ratsmädchen an jenem schönen Abend bei Johanna Schopenhauer unendlich ferne lagen, in Zeiten hinein, in denen Enkel und Urenkel der beiden schönen Kinder ihr Wesen treiben. Die Unterhaltung aber des widerhaarigen Sohnes der geistreichen Mutter, die im Leben der Ratsmädel die besten Früchte getragen, diese Unterhaltung hat ihnen am selbigen Abend noch einen rechten Ärger gebracht. Sie waren während der Standrede, die ihnen der Philosoph gehalten, belauscht und zwar von Ottilie von Pogwisch und August von Goethe und wurden von beiden, die in vertraulichem Einverständnis zu sein schienen, gehörig damit gehänselt.
„Der hat Euch gut zugerichtet, das ist recht,“ sagte Ottilie. „Wenn’s nach mir ginge, er müßte Euch alle Tage predigen: ‚Ihr habt es vonnöten‘.“
„So,“ sagte Röse und wurde dunkelrot vor Ärger. „Und Ihr? Wer soll denn Euch thun?“