Sie hatte auf Ottilie von Pogwisch von jeher einen Ärger, sie brauchten nur in ein Gespräch miteinander zu kommen, so schwoll Rösen der Kamm.
„Ich habe übrigens mit Euch ein Hühnchen zu pflücken und die Adele auch, kommt einmal mit, Ihr Galgenvögel,“ sagte Ottilie gutlaunig.
Sie ging voraus, und die Ratsmädchen folgten ihr. August von Goethe flüsterte ihnen zu: „Laßt Euch nicht ins Bockshorn jagen, ich habe etwas verraten, was Ihr angerichtet habt, daß Ihr’s nur wißt.“
Es stellte sich eine sonderbare Thatsache heraus, daß nämlich die leichtsinnigen Ratsmädchen eine geringe Achtung vor der Unantastbarkeit eines wohlverwahrten Briefes hatten, ja, daß gerade die Verschlossenheit eines solchen Briefchens eine unwiderstehliche Aufforderung an sie enthielt, es zu öffnen.
Die geistreichen und unausgesetzt in schriftlichem Verkehr miteinander stehenden jungen Damen, die Pogwischs, die Schopenhauer und deren Freundinnen hatten Röse und Marie hin und wieder ein solches wohlverwahrtes Briefchen mitgegeben, das sie da oder dort abliefern sollten.
Diese Briefchen aber wurden von den beiden regelmäßig in dem wenig belebten Durchgang des Wittumspalais gelesen.
Was für ein sonderbares Gemäuer war dieser alte Durchgang und ist es noch, denn er wird wohl kaum seit jener Zeit eine Veränderung erlebt haben.
Von der Esplanade, der jetzigen Schillerstraße, die damals von alten, schönen Linden beschattet war, führte eine breite Treppe mit eisernem Geländer zu einer Gruppe tiefliegender Häuser hinab. Neben dieser Treppe in einem schattigen Gärtchen wächst ein schöner Muskateller-Birnbaum, der wie kein anderer voll blüht und voll trägt. Er stand schon damals und steht noch heute. Auf der Treppe fanden und finden die Schulkinder an frischen Julimorgen manch goldgelbes, zersprungenes Birnlein liegen, das der Wind über Nacht von dem Baum geweht hat.
Diese Treppe führte zu dem dunkeln Gang, der durch ein Nebengebäude des Wittumspalais geht und der wie geschaffen ist zum Lauern und Schlüpfen für Liebespärchen und Gassenbuben.
Dort hockten die beiden Rangen auf den Stufen und lasen mit außerordentlichem Hochgenuß die Herzensgeheimnisse, welche die Damen für gut erachteten, einander mitzuteilen. Und die Ratsmädchen fanden nichts auf der Welt so spaßhaft, so belustigend, als die pedantische Rechenschaft, die eine jede der Freundinnen der anderen von ihrem augenblicklichen Herzenszustande gab, so genau und ausführlich, daß es schien, als seien diese Frauenzimmer entschlossen, das Wesen der Liebe ein für allemal und endgültig zu ergründen.