Röse und Marie wußten aufs genaueste, wie es um Ottilie und August von Goethe stand. Sie hatten auch einen Brief von Adele an einen Verehrer befördert und natürlich gelesen, worin Adele zum größten Gaudium der Ratsmädchen diesem auf einen Heiratsantrag folgendermaßen erwiderte:

„Mein Herz ist nicht mehr frei; wollen Sie mit meinem Verstande vorlieb nehmen, so bin ich die Ihre.“

Als die Ratsmädel diese Antwort gelesen hatten, gerieten sie auf ihrer Treppe außer sich vor Vergnügen, und Röse rief: „Du, die ist praktisch; das sollte man sich merken; aber miserabel ist es doch, und wenn er darauf hereinfällt, ist er ein Esel, und es geschieht ihm alles recht.“

Zu Rösens außerordentlicher Befriedigung ging er aber nicht auf Adelens Vorschlag ein. Zu einer solchen behaglichen Stunde auf der Wittumspalais-Treppe, während welcher Röse und Marie sich mit Indiskretionen auf das harmloseste vergnügten, wurden sie in ihrem Treiben von August von Goethe belauscht und an die Pogwischs verraten.

Und jetzt, nachdem diese dem Sermon des jungen Schopenhauer, den er den beiden Mädchen hielt, gefolgt waren, erachteten sie es auch an der Zeit, ihrem Herzen Luft zu machen und beschuldigten Rösen und Marien einer niedrigen und strafbaren Gesinnungsart, so daß diese im Laufe einer Viertelstunde des Fatalen genug erfuhren und ganz erstaunt und betreten waren; wie schnell ein Übel dem andern sich anschließen kann.

Die Pogwischs hatten die Freude, die beiden Ratsmädchen, deren glücklicher Gleichmut den Anschein hatte, als wäre er nicht zu trüben, betreten und bedrückt vor sich stehen zu sehen. Sie blieben auch den ganzen übrigen Abend nachdenklich, hatten, wie es sich von ihnen erwarten ließ, keine Reue, aber einen außerordentlichen Ärger über die Pogwischs und einen noch größeren über August von Goethe, den Schwätzer.

„Ich möchte den Menschen wahrhaftig sehen, der in solche Zettel, wie wir sie herumtragen, nicht hineinsieht. Ich weiß noch nicht einmal, ob ich ihn bewundern würde, ich mache mir nichts aus solchen widernatürlichen Dingen; aber der Goethe soll schon merken, daß er geklatscht hat!“ sagte Röse resolut.

August von Goethe brachte diesen Abend die beiden Mädchen nach Hause. Sie benahmen sich äußerst kühl und gehalten gegen ihn. Er erbat sich ihre Verzeihung, die sie ihm aber auf das entschiedenste verweigerten.

„Da kämen wir schön durchs Leben,“ sagte Marie, „wenn es mit einer Verzeihung abgethan wäre. Was bringt zu Ehren? — Sich wehren! Sie kennen das doch, Herr von Goethe?“ sagte Röse und wollte recht schnippisch sein. „Wenn das bei Ihren Freundinnen, oben bei Schopenhauers Mode ist, mir nichts, dir nichts zu verzeihen, bei uns ist es das nicht.“

„Nun, ich möchte doch wissen,“ sagte August von Goethe, „ob Ihr auch so streng mit Euren vielen guten Freunden seid, mit denen man Euch allerwegen sieht.“