„Viele gute Freunde?“ fragte Röse pikiert. „Wir haben drei. Da ist erstens Budang, zweitens Ernst von Schiller und drittens Franz Horny, das sind sie.“
„Drei, das ist eine schlimme Zahl, da muß einer traurig abziehen,“ sagte August von Goethe.
„So, wie meinen Sie das?“ fragte Röse. „Wir haben sie alle drei gleich gern, einen wie den andern.“
„Zum Beispiel verloben könntet Ihr Euch doch nicht mit allen dreien,“ sagte ihr Begleiter.
„Wenn Sie das so meinen,“ erwiderte Röse, „das geht freilich nicht; aber es sieht Ihnen recht ähnlich, daß Sie dergleichen, worauf kein Mensch kommen würde, denken. Ich möchte Budang sehen, wenn wir ihm das erzählen; der wird schön bös auf Sie sein; der ist sehr gegen dergleichen. Wir, Marie und ich, hassen auch Liebe und finden Leute abgeschmackt, die ewig nichts weiter im Kopfe haben, als das! Es gefällt uns gar nicht, daß Sie solche Vermutungen aussprechen, gerade von Ihnen gefällt uns das nicht, weil Sie selbst so viele gute Freundinnen hier haben.“
„Warten Sie nur, Herr von Goethe,“ sagte Marie, „wir haben Ihnen unsere besten Freunde am Schnürchen hergenannt, damit Sie nicht denken, es wären ihrer zwanzig. Wir werden Ihnen auch Ihre guten Freundinnen vorzählen, Sie sollen schon sehen, das werden wir Ihnen zur rechten Zeit thun.“
„Marie,“ sagte Röse, „was meinst Du denn?“
Da zwinkerte Marie ihr zu, auf eine Weise, die Röse den Mut gab, im vollen Vertrauen auf ihre Schwester, sich Herrn von Goethe lachend zuzuwenden und mit ihr im Chore zu sagen: „Ja, ja, wir werden Ihnen ein Weihnachtsgeschenk machen. Nun, gute Nacht, adieu, Herr August von Goethe!“
Als die Mädchen in ihrer Stube, oben unter dem Dache, angelangt waren, konnten sie sich vor Lachen und Vergnügen kaum halten; denn Marie hatte Röse ihren Plan, der ihr auf dem Wege so durch den Kopf gefahren war, mitgeteilt und hatte von Rösen vollkommene und freudige Zustimmung erhalten. Es wurde beschlossen, Herrn von Goethe zu Weihnachten mit einem sonderbaren Geschenk zu überraschen.
Seit langer Zeit waren sie mit keiner glänzenderen Idee beschäftigt gewesen, und die, welche jetzt in Maries Kopf aufgestiegen war, schien sie beide vollkommen zu beglücken; sie konnten lange nicht zur Ruhe kommen und auch deshalb nicht, weil das aufgelöste Haar die größte Mühe verursachte. Es war über die Maßen verwirrt und zerzaust, und sie mußten sich beistehen, um es auseinander zu bekommen. Frau Rat durfte beileibe nicht erfahren, daß man es ihnen wieder aufgeflochten hatte; sie war der Meinung, daß dieses Lösen und Herumflattern dem Glanz der schönen Flechten schade; auch liebte sie es nicht, wenn ihre beiden Mädchen sich als zwei Haarungetüme in der Gesellschaft zeigten.