Es war vor Weihnachten, eine prächtige Winterzeit! Der Schnee lag so hoch und so beständig, wie er seit Jahren nicht gelegen.
Die Winterfreuden hatten sich zu einer Mannigfaltigkeit herausgebildet, wie seit Menschengedenken nicht.
Von den wunderlichsten, altmodischen Schlitten wimmelte es im Städtchen; denn jeder alte Schlingel von einem Schlitten, den man in gewöhnlichen Wintern nicht auf die Beine gebracht hätte, weil es sich um ein paar Tage Schneebahn nicht gelohnt hätte, war leidlich ausstaffiert worden, und so närrisch bunt und wackelig, wie er war, sauste und flog er neben hübschen anderen, nagelneuen durch die Straßen. Die Gassenjungen hatten diesen Winter eine erstaunliche Geschicklichkeit erreicht, auf die Kufen zu springen und sich von den Schlitten mitnehmen zu lassen.
Unten an der Bibliothek, auf dem großen Rutschberge geschahen Wunder und Zeichen; denn die Käsehütschen, auf denen die Sakramenter, die Gassenbuben, die Eisbahn hinabrutschten, schienen diesen Winter zu ganz anderen Geschöpfen sich umgewandelt zu haben. Sie waren heimtückisch, in ihrer Schnelligkeit unerreichbar geworden, flogen hin, wie Schwäne, wie Schneegänse, von der Bibliothek an fuhren sie über die ganze Reitwiese weg, wie im Flug an dem alten Reithaus vorbei, bis auf die festgefrorene Eisdecke der Ilm. Ob sie es heut noch zu stande bringen? Kaum mochte es einen Weimaraner geben, der nicht davon zu berichten gehabt hätte, daß ihm eine Käsehütsche mit einem unverschämten Bengel darauf, die, wie vom Himmel gefallen, auf ihn zu wetterte, an die Beine gefahren sei, mit einer Wucht, wie eine wilde Bestie. Die Straßen wimmelten von Raben und Goldammern, wie noch keinen Winter. Alles hatte den Anschein von etwas Außerordentlichem. Man spürte den erregenden Einfluß eines gewaltigen, unhemmbaren Elements.
Mit geheimem Behagen sah man die Schneewälle, die an den beiden Seiten der schmalen Wegbahnen sich auftürmten, höher und höher werden. Es gab in Weimar Wohnungen und Häuschen, die buchstäblich eingeschneit waren.
So lustig und unternehmend das Leben auf den Straßen war, so behaglich und angenehm befand man sich in den vier Wänden. Es wurde geheizt „auf Teufelsholen“, wie man sich in Weimar ausdrückt, und es ging mächtig an die Holzvorräte.
Die alten Damen hielten Spielchen und Kaffees ohne Ende; die Abende in den Familien waren wunderhübsch, und die Weihnachtserwartungen schöner als je. Es schien mit den Schneemassen ein Geist der Gemütlichkeit mit herabgekommen zu sein.
An solch einem Winternachmittag bereitete die Kummerfelden sich zum Empfang von Gästen vor. Unten in der Stube, in der die Schülerinnen am Vormittag gehaust hatten, wurde ein Tisch gedeckt; die Kummerfelden in ihrem hellen, geblümten Kleid, die Prachthaube auf dem Kopf, eine Bernsteinkette um das Handgelenk, sprang die siebenstufige Treppe, die in ihr Schlafgemach führte, hurtig auf und ab, schleppte aus einem Schubfach Tassen hervor, aus einem Beutel silberne Löffel, stach mit der Gabel den Kommodenkasten auf, in welchem sie Zucker verwahrt hielt, trabte unentwegt auf und nieder und brachte allerlei aus allen Ecken herbeigeschleppt, schüttete endlich auch frischen Tabak in die Schnupftabaksdose und stellte diese mit auf den Tisch. Aus dem gestrickten Beutel über ihrem Bette wurden Äpfel gelangt, und im warmen Ofen stand bald der Kaffee fix und fertig.
„Nun könnten sie kommen, es wäre alles so weit,“ sagte die Kummerfelden und ließ sich auf eine Treppenstufe nieder, schlang die Hände um die Kniee und saß da wie der liebe Herrgott am siebenten Schöpfungstage, mußte aber so länger sitzen, als ihr lieb war; denn die Gäste kamen nicht ganz pünktlich, jedenfalls wegen des vielen Schnees.