Und während die Kummerfelden saß und lauerte, tappte bedächtig zwischen den hohen Schneewällen durch die Schützengasse, die damals noch „das Pförtchen“ hieß, eine respektable Frauengestalt, bog bei der Schleuse ein und trottete mit Filzschuhen, die den Eindruck von Kähnen machten, in denen die große Frau sich behaglich, ohne daß sie sich selbst dabei anzustrengen hatte, fortschaffen ließ. Die Filzschuhe führten sie durch den wieder neugefallenen Schnee weich und geräuschlos, wie es sich von solch einer Frau ganz unwahrscheinlich und gespenstisch ausnahm. Ein frischer, voller Schneewind fuhr gegen die steifen Falten ihres Mantels, ohne sie in Schwung bringen zu können. Der Mantel hätte seinem Schnitte, seiner Ausdehnung und seinem eisenfesten Stoffe nach gut den Überkragen für einen Winteranzug des Riesen Christophorus abgeben können. Gott weiß, aus welcher Zeit er stammen mochte! Er machte den Eindruck der Unvergänglichkeit. Die große Frau, die schwer und leise, in Wollmassen gehüllt, durch den Schnee geht, heißt Fabian, aber ihr Name, unter dem man sie in den weimarischen Gassen und Straßen kennt, ist nicht dieser ehrenwerte Name, den sie als Gattin des Zinngießers Fabian trägt; sondern für jung und alt heißt sie die Rabenmutter; nicht wegen eines hartherzigen Charakterzuges gegen ihre Kinder, sondern lediglich deshalb, weil sie Winter für Winter hinaus auf den Ettersberg wandert, um den Raben Futter auszustreuen.
Sie war, wie große, unbehilfliche Leute es oft sind, gut wie ein Kind. Das wußte jedermann von ihr. Ihre Freundlichkeit aber, mochte sie in Worten oder Werken bestehen, hatte etwas Gewaltsames.
Sie liebte es, sich für andere zu plagen, verstand es, mit allem und jedem auszuhelfen, mit Kinderzeug, wo es Not that, mit Koch- und Backrezepten, mit Heilmitteln und mit gutem Rat; wußte zu einem Prozesse oder sonstigen Rechtshändeln zuzureden oder abzureden, auch mit Gelegenheitsgedichten griff sie ein, wenn es verlangt wurde, und strengte ihr poetisches Empfinden bald zu Gunsten eines Briefträgers an, der einen Neujahrswunsch seinen Kunden überbringen wollte, bald zur Verherrlichung einer Hochzeit oder Kindtaufe; verfaßte Bettelbriefe für Bedürftige, grauenhaft zum Herzen sprechend, und verwendete so mit Freuden und in bester Laune ihre Kräfte für die Menschheit.
Während wir über sie berichten, kommt sie, umtanzt von großen Flocken, ihrem Ziele näher. Sie geht jetzt über den schmalen Steg, der über den Wassergraben führt, direkt auf den Entenfang zu, in dem die Kummerfelden sitzt und lauert.
Jetzt steht Frau Fabian vor dem Häuschen und lugt in das Fenster hinein.
Richtig, da sitzt die Kummerfelden noch immer auf der Treppenstufe, und da das Warten ein saures Geschäft ist, so sieht sie griesgrämig aus.
„Na,“ brummt Frau Fabian, als sie die Gastgeberin so sitzen sieht, „was fehlt ihr denn?“ Die große Frau fährt unter dem Mantel vor mit der Hand, die in einem Buckskinhandschuh steckt, an dem der Zeigefinger sich durchgearbeitet hat, so gründlich, daß der Handschuh seine Spitze vollkommen verloren, und der Finger aus einem sorgsam umsäumten Strumpf hervorsieht. Mit diesem Finger pocht die große Frau mit aller Wucht gegen die Fensterscheiben, so daß die Kummerfelden auffährt und mit beiden Händen vor Schreck nach ihrer Haube greift.
„Das ist die Fabianen,“ ruft sie und läuft, noch ganz desparat von dem Schreck, nach der Thüre, um zu öffnen. Ehe sie aber bis dahin gelangt, schellt es draußen, daß es der Ärmsten durch Mark und Bein dringt.
„Nun schellt sie auch noch, als ob sie nicht schon Lärm genug gemacht hätte!“ murmelte die Kummerfelden. Und als sie die Thür geöffnet, da steht ihr Gast großmächtig vor ihr und schüttelt den Schnee von der Kappe, von den Schultern, aus den Falten.
„Weeß Gott, en paar Schaufeln voll!“ sagte sie mit ihrer dicken, rollenden Stimme.