„Komm nur herein,“ ermahnt die Kummerfelden, „Du läßt mir ja die ganze Kälte ins Haus; Du warst wohl gar auf dem Ettersberge?“

„Na ob,“ bekam sie zur Erwiderung aus einem Sprühregen von Eisstückchen, Wassertropfen und Schnee heraus; die Fabianen schüttelte ihr Lori aus, wie sie ein schlangenartiges, langes Tuch zu benennen liebte, das sie so ein vier-, fünfmal um den Hals geschlungen trug, so daß ihr Hals dadurch ein runderes und kopfartigeres Ansehen bekam, als der Kopf selbst.

„Läufst Du denn immer noch herauf und fütterst die Raben?“ fragte die Kummerfelden und kehrte in die Stube zurück, um dadurch ihren Gast zu veranlassen, ihr zu folgen.

„Ja wohl,“ sagte diese und trat in die Wärme ein, „ja wohl. Über das arme Viehzeug! Dies Jahr sieht’s wahrhaftig elend genug aus.“

Jetzt nahm sie den Mantel ab und hing ihn über einen Stuhl am Ofen und stand nun dunkellilla, feierlich mitten in der Stube. „Gucke! — Gucke!“ sagte sie und hauchte in die roten Hände und betrachtete den Kaffeetisch. „Du hast ja gut aufgefahren! Wenn ich so von draußen komme, wo das Gevögel wegen eines verschimmelten Häppchens um sich hacken muß wie der Teufel, damit es andere nicht stibitzen, da hat es doch unsereins, weiß Gott, recht zufriedenstellend. Das arme Vieh! das arme Vieh!“ wiederholte sie und wiegte sich dabei von einem Fuße auf den andern, daß das Haus schütterte. Sie wollte sich den Frost aus den Füßen trampeln, wie es schien. Ihre großen Filzschuhe aber hatte sie manierlich draußen vor die Thür gestellt.

„Wenn die hohe Justiz,“ sagte sie immerfort trampelnd, „wenn die hohe Justiz auch einmal zur rechten Zeit ein Einsehen hätte! Ich bin doch überzeugt, daß sie irgend so einen armen Sünder sitzen haben, so einen Totschläger, Brudermörder oder sonst wen, oder wohl gar zwei, daß sie die nun jetzt richten thäten, wo sie noch Nutzen stiften können! Nä, da warten sie damit, und wenn sie die auch jetzt richten thäten — hängen lassen würden sie se doch nicht. Wir kennen die Justiz, nicht den Tropfen Menschlichkeit hat se in sich, nicht den Tropfen! und keen Verständnis von nichts!“

Die Kummerfelden sagte: „Ach was, Fabianen, Du bist doch manchmal ein rechter Husar in Deinen Ansichten.“

Frau Fabian beunruhigte sich darüber nicht, sondern sprang weiter von einem Fuße auf den andern, daß es der Kummerfelden schließlich schwindelnd wurde. Währenddem huschte draußen im Schnee und im Gestöber eine kleine Person dem Steg und dem Entenfang zu.

Sie huschte wie ein Rättchen so scheu, und hinter ihr her durch die Flocken und den Schneenebel da fuhr es huit, huit! Das waren Schneebälle. Die kamen angeflogen, bald von da, bald von dort, immer hinter ihr her, und kamen von den infamen Gassenbengeln, die nun einmal ein huschendes, altes Persönchen nie in Ruhe lassen können. Es ist schlecht von ihnen, aber sie lassen es nun einmal nicht. Das wußte die kleine Jungfer auch und sputete sich gewaltig. Ganz außer Atem zog sie endlich an der Schelle im Entenfang; aber wie zaghaft, wie bescheiden!

„Das ist die Jungfer Muskulus,“ sagte die Kummerfelden, „die zieht anders als Du, Fabian.“