Die kleine, scheue Muskulus war von jeder Kraftäußerung immer ganz von Bewunderung hingenommen, auch, wenn diese Kraftäußerung sich gegen sie selbst richtete. Die Ratsmädchen schafften das Gärtchen, die Puppen, die Verse noch an diesem selben Abend in die Wünschengasse, schleppten alles hinauf in ihre kleine Stube, verbargen es sorgfältig und vergnügten sich abends, als alles schlief, bei verschlossener Thür damit zu spielen, um allerhand Unsinn zu treiben, bis sie das Gärtchen endlich mit großem Stolz und vieler Vorsicht, daß sie von niemandem ertappt würden, am heiligen Abend in das Goethesche Haus trugen. Sie hatten ausgemacht, es unten, in der Leutestube mit einer schönen Empfehlung der Kummerfelden abzugeben; als sie aber die Hausthür öffneten, da kam ihnen der Geheimrat selbst entgegen. Sie blieben betroffen und verlegen mit ihrem verdeckten Werke stehen und hofften, er würde sie nicht bemerken und an ihnen vorübergehen.

Er erkannte sie aber augenblicklich und sagte: „Was bringen denn die Ratsmädchen da?“

„Excellenz,“ sagte Röse, „die Kummerfelden läßt schön grüßen und hier wäre etwas.“

„Für mich?“ fragte Goethe.

„Ja, für Euere Excellenz.“

„So tragt es hinauf, Ihr schönen Kinder, ich komme mit Euch.“

Goethe ließ sie vor sich her die breite und sanftansteigende Treppe hinangehen. Als sie oben angelangt waren, öffnete er ihnen selbst die Thüre, ließ sie in das lange, gelbe Gesellschaftszimmer eintreten. Es war schon dämmerig, und Röse und Marie war es doch recht beklommen zu Mute.

„Da haben wir’s,“ dachte Röse, „es ist doch, als kämen wir zum lieben Herrgott mit der Dummheit da an. Viel schlimmer würde es auch nicht sein, glaub ich.“ —

Goethe machte einen Tisch, auf dem einige Bücher lagen, frei. „So,“ sagte er, „da steht nun Eure geheimnisvolle Gabe, wollt Ihr das Tuch abheben?“

Marie enthüllte das Werk, und als Goethe das Gärtchen sah und die Überschrift über dem Thore gelesen hatte, lächelte er; es war noch eine Aufschrift hinzugekommen, die besagte, daß hier schöne Damen versammelt seien, daß Schönheit und Geist zwar angenehm, daß man aber die nützlichen Eigenschaften beileibe nicht gering achten möge.