„Höre, Marie,“ begann Röse wieder, während sie noch den beiden Reitern, dem Herzog und seinem Adjutanten, nachschauten. „So, wie der Ottokar Thon, als er wie im Traum auf den Kranz sah und dann auf uns, so gut hat mir noch nie ein Mensch gefallen, noch nie,“ wiederholte sie ernst. „Er gehört zu den Lützowschen Jägern,“ sagte sie noch einmal — „weißt Du? Aber wie streng er aussah.“
Sonnenklar wußte Röse, wer ihr gefiel und wer nicht, und war gewohnt, den ersten Eindruck, den sie von jemandem empfing, Marien sofort mitzuteilen.
Diesmal war aber der Eindruck glückverheißend, bedeutungsvoller, als sie sich vorstellte, denn jener junge Adjutant, der neben seinem Herrn bei dem Einzug dahinritt, der die Zeit des Kongresses mit ihm in Wien gelebt hatte, wurde Jahre darauf Rösens Gatte.
Sie war ein Glückskind; die erste Bewegung ihres jungen Herzens, das erste Sichhinneigen einem anderen Leben zu, war die Ankündigung einer schönen Zukunft. Und der erste Blick, mit dem sie der Geliebte angesehen, erschien ihr bis ins hohe Alter wie ein Wunder; „denn damals“, sagte sie, „wußte ich so klar wie das, daß er mir besser, als jeder Mensch bisher gefiel, auch das, daß wir einmal zu einander gehören würden.“ Davon erfahren wir aber erst Näheres und Breiteres im zweiten Bande.
Der ruhige Ernst, der auf den Zügen des jungen Mannes lag, als er unter Glockengeläut mit seinem Fürsten einritt, hatte seinen Ursprung in einer tiefen und klaren Liebe, die dieser junge, einfache Soldat zu seinem Vaterlande fühlte. Er hatte in Wien mit Trauer gesehen, wie weit der Weg noch sein mußte, ehe Deutschland würdig und groß dastehen konnte.
Er hatte in dem reichen Leben, den Reden und Versammlungen, den Festen und Feiern, den Plänen, wie ein Geheimnis, das man nicht verrät, um es nicht zu entweihen, seine Gedanken über die Möglichkeit, wie Deutschland erhoben werden könne, niedergeschrieben.
Lange Jahre nach seinem frühen Tode ist jene Niederschrift bekannt geworden, und staunend mußte man die Klarheit und Sicherheit dieses jungen, kräftigen Geistes erkennen, der damals in Dunkelheit klar und sicher Deutschland den Weg zur Größe vorschrieb, den es jetzt gegangen ist.
Ein Geschichtsschreiber, Heinrich von Treitschke, hat dem früh Gestorbenen ein Denkmal in seinem Werke gesetzt.
Er hat des jungen Adjutanten Tapferkeit, seine Klarheit und Sicherheit, seine geniale Voraussicht im Gegensatz zu der großen, allgemeinen Verworrenheit gepriesen und schließt die Worte, die er der Erinnerung an jenen kühnen, jungen Denker weiht, mit dem Ausspruche: „Wie unheimlich erscheint doch die schwerflüssige Langsamkeit der nationalen Entwicklung neben dem raschen Gedanken der kurzlebigen Einzelmenschen.“
Welche Fülle von Hoffenden, Denkenden und Strebenden geht über die Erde hin, scheinbar, ohne eine Spur zu hinterlassen. Wir sehen es oft mit Trauer und Staunen. Und dennoch wirkt ein jeder; die Natur hält mit ihren Kräften haus.