Die beiden Mädchen umarmten sich zärtlich und vergossen viele Tränen. Immer aufs neue wiederholten sie die bitteren Worte der Trennung, immer wieder fielen sie sich um den Hals. Endlich folgten sie dem Ritter in den Gang.

„O mein Herr,“ rief Maria, „sagt mir doch, wohin Ihr meine unglückliche Freundin führt!“

„Nach Frankreich,“ sagte Cressines; und den Soldaten gebot er:

„Achtet auf meine Worte! – Wer in Gegenwart dieser Dame ein unziemendes Wort sagt, wird streng bestraft. Ich will, daß man sie ihrem durchlauchtigen Stande gemäß behandelt. Führt die Pferde vor!“

Machteld weinte still unter dem Schleier, der ihr Gesicht bedeckte. Maria hielt eine Hand gefaßt, und beide standen bewegungslos wie Bildsäulen da. Worte reichten nicht hin, ihren herben Abschiedsschmerz auszudrücken.

Als die Pferde vor die Tür gebracht waren, half Herr de Cressines Machtelden auf einen leichten Traber. Meister Brakels und die Diener wurden freigelassen, und der Zug entfernte sich rasch durch die Straßen von Brügge. Einige Augenblicke später waren sie auf freiem Felde, auf Wegen, welche Machteld nicht erkennen konnte. Die Nacht war düster, und feierliche Stille lag auf der schlummernden Natur. Herr de Cressines blieb stets an Machtelds Seite. Weil er sie in ihrer Betrübnis nicht stören wollte, sprach er nicht mit ihr und würde vielleicht die Reise schweigend zurückgelegt haben, wenn ihn nicht die junge Machteld zuerst angeredet hätte.

„Ist es mir erlaubt, mein Herr, etwas über mein zukünftiges Schicksal zu wissen, und darf ich fragen, von wem der Befehl stammt, der mich aus meiner Wohnung reißt?“

„Der Befehl ward mir durch Herrn de Châtillon gegeben,“ antwortete de Cressines. „Wahrscheinlich kommt er von höherer Seite, denn das Ziel Eurer Reise ist Compiègne.“

„Ja,“ schluchzte das betrübte Mägdelein, „Johanna von Navarra erwartet mich. Meinen Vater und alle meine Blutsverwandten einzukerkern genügte nicht; ich fehle ihr noch. Jetzt ist ihre Rache vollständig. O mein Herr, Ihr habt eine böse Königin!“