„Ein Mann hätte mir das nicht sagen dürfen. Es ist wahr, edle Frau, unsere Königin behandelt die Vlaemen sehr strenge, und ich hege innigstes Mitleid für Herrn van Bethune; aber ich kann nicht mit anhören, daß man meine Fürstin schmäht.“
„Vergebt! Eure ritterliche Treue verdient meine Achtung. Ich werde über Eure Königin nicht mehr Klage führen und schätze mich glücklich, in meinem Unglück einen so ehrenwerten Ritter zum Führer zu haben.“
„Es wäre mir ein wahres Vergnügen, Euer Edeln bis nach Compiègne zu begleiten; aber diese Ehre ist mir nicht zugedacht. In einer Viertelstunde bekommt Ihr eine andere Gesellschaft, aber das kann Eure Lage in nichts ändern; die französischen Ritter vergessen nie, was sie den Frauen schuldig sind.“
„Es ist wahr, mein Herr, die französischen Ritter sind sehr höflich und ehrerbietig gegen uns; aber wer bürgt mir dafür, daß ich immer eine Begleitung haben werde, die meinem Stande angemessen ist?“
„O! das wird sicher der Fall sein. Ich bringe Euch nach Schloß Male und muß Euch dem Herrn von Saint-Pol übergeben. Soweit geht mein Auftrag.“
Sie plauderten noch einige Zeit, bis sie vor der Brücke des Schlosses anlangten. Bei ihrem Nahen rief die Torwache sie an, und das Fallgitter ging hoch. Kurz darauf fiel die Brücke rasselnd nieder, und der ganze Zug ritt in das Schloß.
[XII.]
Nun waren schon Monate seit der Übergabe der Stadt Brügge verflossen. Herr de Châtillon hatte Herrn von Mortenay[28] zum Stadtvogt ernannt und war nach Kortrijk zurückgekehrt; denn er traute den Brüggern nicht genug, um unter ihnen zu wohnen. Die Söldner, welche er in der eroberten Stadt gelassen hatte, begingen allerlei Ausschreitungen und setzten den Bürgern gar boshaft zu. Dieses Druckes müde, kehrten fast alle fremden Kaufleute in ihr Vaterland zurück, und der Handel ging von Tag zu Tag zurück. Die Zünfte sahen mit Schmerz und innerer Erbitterung ihren Wohlstand dahinsinken; doch die Maßregeln der Franzosen waren hinreichend streng, um einstweilen ihre Wut zu zügeln. Ein großer Teil der Festungswerke wurde geschleift und ein starkes Kastell gebaut, um die Stadt im Zaume zu halten.
Zur großen Verwunderung seiner Mitbürger ließ De Coninck all das ohne Widerstreben geschehen und ging ruhig und anscheinend gleichgültig durch die Straßen; nur in den Versammlungen der Weber verkündete er die Befreiung des Vaterlandes und hielt so die Hoffnung in den Herzen seiner Brüder wach.
Breydel war gar nicht mehr wiederzuerkennen. Düsteres Brüten hatte seine jugendlichen Züge alt gemacht. Seine Augenbrauen hingen tief herab, das stolze Haupt des tapferen Vlaemen war gebeugt wie unter einer drückenden Last. Die Herrschaft, der Anblick der aufgeblasenen Franzosen war für ihn wie eine Natter, die sein Herz fest umschlungen hielt und grausam zerfleischte. Alle Freude, alle Zufriedenheit war für ihn dahin. Selten verließ er seine Wohnung; denn das eroberte Brügge war ihm ein Kerker, dessen Luft ihn erdrückte. Dieser edle Schmerz verließ ihn keinen Augenblick, und seine Brüder vermochten ihn durch nichts zu trösten oder aufzumuntern. In den Augen jedes Franzosen las er gleich einem Vorwurf das Schandwort: Sklave!