Eines Morgens war er sehr früh in seinem Laden und setzte die Träumereien der Nacht fort, mit der linken Hand auf einen Hauklotz gestützt. Seine unsteten Blicke glitten über die Fleischstücke an der Wand, doch er sah sie nicht; seine Seele war mit anderen Gedanken beschäftigt. So stand er geraume Zeit regungslos da, bis seine rechte Hand unwillkürlich ein Schlachtbeil ergriff, das, viel größer als die anderen, besonderen Zwecken bestimmt schien. Als er den glänzenden Stahl gewahrte, glitt ein seltsames Lächeln über seine grimmen Züge, und lange starrte er das Mordwerkzeug an. Plötzlich wurde sein Angesicht finster und traurig. Er blickte düster vor sich hin und sagte klagend: „Vorbei! Keine Hoffnung mehr auf Befreiung! Wir müssen das Haupt beugen und weinen über unser besiegtes Vaterland. Da laufen täglich diese frohblickenden Franzosen durch die Stadt, spotten, verhöhnen jeden – und wir, wir Vlaemen, wir müssen es dulden, müssen es ertragen! O Gott, wie grausam nagt die Verzweiflung an meinem Herzen!“ Er packte krampfhaft das Beil und betrachtete es: „Und du, meine treue Waffe, wozu wirst du mir fürder dienen? Es gibt kein Vaterland mehr zu rächen, kein fremdes Blut mehr zu vergießen. Tränen der Scham benetzen dich, Breydel flennt wie ein Weib …“

Alsbald ergriff ihn heftige Wut. Er warf das Beil zu Boden und trat mit dem Fuße darauf. „Geh!“ rief er, „ein Sklave bedarf keiner Waffen!“ Und dann sank seine Hand wieder auf die Bank nieder.

Die Tür des Ladens tat sich auf, und Breydel erkannte nun verwundert De Coninck.

„Guten Tag, Meister,“ sprach er, „welch schmerzliche Neuigkeit bringt Ihr mir so früh?“

„Freund Jan,“ erwiderte De Coninck, „ich frage Euch nicht, weshalb Ihr so traurig seid, ich kenne Eure edle Seele; der Gedanke an die Sklaverei bringt Euch um, ich sehe es wohl.“

„Schweigt, Meister, schweigt davon; mir ist, als ob die Wände meines Hauses dieses schmachvolle Wort wiederholen. O mein Freund, wäre ich doch auf den Mauern unserer Stadt gestorben, dann hätte ich mir solch bittere Pein erspart. Wieviel feindliche Franzosen hätten dann neben mir ihr Grab gefunden! Aber diese glorreichen Tage sind vorüber.“

De Coninck betrachtete den Obmann der Fleischer mit Rührung; er ermaß an seinen eigenen Leiden, wie tödlich dieser Schmerz für eine Seele, wie die Breydels, sein mußte und antwortete:

„Tröstet Euch doch, edler Freund! Bedenkt: das Feuer, welches unter der Asche glimmt, ist noch nicht erloschen. Einst kehren die ruhmreichen Tage zurück; die dunstige Luft der Knechtschaft klärt sich auf; schon hat die Freiheitssonne einige Strahlen zu uns niedergesandt. Ihr wißt es nicht, aber Ihr könnt mir glauben, die Stunde der Freiheit naht. Noch sind wir nicht schwer genug gedrückt, die Bande der Sklaverei müssen noch schmerzlicher auf uns lasten, damit selbst den Feiglingen die Kette unerträglich wird. Dann, tapferer Bruder, dann wird unsere teure Vaterstadt wieder den schwarzen Löwen von Flandern hochtragen vor allem Volke.“

Breydel betrachtete den Obmann der Weber bei diesen Worten mit seltsamem Ausdruck. Ein Lächeln der Hoffnung verklärte sein Gesicht, und sein bedrücktes Herz erleichterte sich durch einen tiefen Seufzer. Er ergriff De Conincks Hand, drückte sie an sein Herz und sprach:

„Ihr allein, mein Freund, kennt mich, Ihr allein könnt mich rühren und trösten.“