„Gut, ich will Euch nicht länger zurückhalten, obgleich ich weiß, daß Ihr nicht nach Thourout gehen werdet.“

„Gewiß, Meister, ich habe kein Vieh mehr im Stalle und muß mir noch vor Abend welches beschaffen.“

„Ihr könnt mich nicht täuschen, Meister Jan, ich kenne Euch zu lange. Durch Eure Augen blicke ich bis ins Innerste Eurer Seele; Ihr geht geradeswegs nach Male.“

„Ihr seid ein Zauberer, Meister Peter, denn Ihr kennt meine Gedanken besser als ich. Ja, ich gehe nach Male, aber glaubt mir, nur, um nach der unglücklichen Tochter unseres Herrn zu forschen. Ich gelobe Euch, die Rache bis auf einen günstigeren Tag zu verschieben.“

Die beiden Obmänner gingen zusammen hinaus und trennten sich vor der Tür nach kurzem Gespräch.

Breydel erreichte nach einer halben Stunde das Dorf Male. Die Herrschaft Male liegt eine kleine Meile von Brügge entfernt. Zur Zeit unserer Erzählung bestand sie vornehmlich aus ungefähr dreißig Strohhütten, die hier und da auf dem Gebiet des Schlosses zerstreut lagen. Zwischen den undurchdringlichen Wäldern rings um das Dorf waren durch Fleiß die fruchtbarsten Äcker erstanden. Da die Erde jener Gegend ihren Bewohnern dankbar schien und mit reicher Ernte lohnte, hätte man annehmen sollen, daß die Bauern von Male in Wohlstand lebten. Und doch zeigte ihre Kleidung, ihre ganze Erscheinung größte Dürftigkeit. Knechtschaft und Bedrückung waren an ihrer Armut schuld. Der Schweiß ihres Angesichts rann weder für sie noch für ihre Familie. Alles kam dem Lehnsherrn, ihrem Gebieter, zugute, und sie schätzten sich glücklich, wenn ihnen nach Abzug der Steuer und Lehnsabgaben noch genug blieb, um ihren Körper während des Jahres für die schwere Arbeit zu stärken.

Unweit des Schlosses befand sich ein viereckiger Platz, um den etwas dichter einige steinerne Gebäude errichtet waren. In der Mitte stand eine steinerne Säule, und daran hing eine Kette mit einem eisernen Halsband. Dies war das Wahrzeichen der gräflichen Rechtspflege und die Säule der bekannte Pfahl, an dem man die Missetäter ausstellte. An der einen Seite war eine kleine Kapelle erbaut, deren Kirchhof seine Mauern einige Schritte auf den Platz hin dehnte.

Daneben stand ein ziemlich hohes Haus, der einzige Krug oder das Wirtshaus, da man Wein und Bier ausschenkte. Der Name der Herberge war über der Tür dargestellt, aber so schlecht und ungeschickt, daß man kaum den heiligen Martin in diesem steinernen Bilde erkennen konnte. Der Flur des untersten Stockwerkes war so weit, wie es die Außenmauern erlaubten. Ein breiter, sehr großer Herd ragte einige Fuß vor und füllte den Hintergrund des Raumes aus; er ließ nur an jeder Seite einen kleinen Winkel übrig, in dem Samen und Pflanzenwurzeln zum Trocknen hingen. Die anderen Wände waren mit Kalk geweißt und mit allerlei hölzernem und zinnernem Küchengerät behängt. Ein Schlachtbeil und eine Anzahl großer Messer in ledernen Scheiden hingen an einem dafür bestimmten Platz. Der Rauch, der beständig vom Herd in die Stube drang, hatte die Balken der Decke ganz geschwärzt. Das Zimmer erhielt dadurch ein ungemütliches Aussehen. Obgleich die Sonne sehr hell schien, war es darin doch ziemlich düster; denn die halb romanischen, halb gotischen Fenster waren fast sieben Fuß über dem Boden und bestanden aus kleinen Scheiben. Schwere Sessel und noch klumpigere Tische standen in der Stube herum. Die Wirtin lief hin und her, um die zahlreichen Gäste zu bedienen und ihnen einzuschenken. Die zinnernen Kannen und Becher standen nicht still, und dadurch wurde die lebhafte Unterhaltung der Gäste zu einem unverständlichen Summen. Am Herde kündete männlich-kräftiger Klang, daß Vlaemisch gesprochen wurde, während in der Stube mehr weibische, lispelnde Töne die französische Sprache verrieten. Unter denjenigen, welche sich dieser fremden Sprache bedienten und zur Besatzung des Schlosses gehörten, war ein Kerl namens Leroux, der wie ein Vorgesetzter zu seinen Genossen sprach; doch war er ein einfacher Krieger wie sie; nur seine ungewöhnliche Stärke hatte ihm diesen Vorrang verschafft.

Während die französischen Kriegsknechte ihre Kannen unter heiteren Gesprächen leerten, kam ein anderer Söldner in den Krug und sprach zu ihnen: