„Ich habe den schwarzen Löwen meines Vaterlandes gerächt und würde es wieder tun. Aber laßt mich nicht wie einen geschlachteten Ochsen hier auf dem Boden liegen, – oder ermordet mich auf der Stelle. Ich werde mich geduldig führen lassen.“

Ohne ihn loszulassen, ließen ihn die Söldner auf Befehl Saint-Pols aufstehen, und man brachte ihn mit aller Vorsicht an die Tür. Der gefangene Vlaeme ging langsam zwischen den Kriegsknechten vorwärts; zwei der stärksten hielten ihn an den Armen, vier andere gingen vor und hinter ihm, so daß es ihm unmöglich war, zu entwischen. Das war aber auch nicht seine Absicht. Getreu seinem Versprechen leistete er nicht den geringsten Widerstand. Während die Söldner dann mit dem Gefangenen des Weges schritten, ergingen sie sich in höhnenden Scherzen über ihn. Breydel erfaßte ob ihres Spottes eine unaussprechliche Wut, und innerlich wünschte er sich den Tod. Doch er bekämpfte seine leidenschaftliche Aufwallung, bis einer zu ihm sagte:

„Hört mal, schöner Vlaeme, wenn Ihr morgen am Strick so lieblich vor uns tanzt, werden wir die Raben von Eurer Leiche fortjagen.“

Der Obmann der Fleischer warf einen verächtlichen Blick auf den Söldner, der seines Mißgeschickes spottete. Der fuhr fort:

„Betrachtet mich doch nicht immer, verwünschter Klauwaert, oder ich zerschlage Euch das Gesicht.“

„Feigling!“ rief Breydel; „das sieht euch ähnlich! einen gefangenen Feind verhöhnt und verspottet ihr; unedle Mietlinge eines verächtlichen Herrn …“

Ein Backenstreich des Söldners unterbrach ihn. Er schwieg plötzlich und neigte sein Haupt, als ob er den Mut sinken ließe; aber das war es nicht. Furchtbare Wut kochte in seiner Seele, und gleich dem Feuer im Schoße des Vulkans flammte rasende Rachsucht im Herzen des Vlaemen auf. Die Söldner fuhren fort, ihn zu schmähen, und sein Schweigen reizte sie noch mehr. Aber an der Brücke des Schlosses fand ihr Lachen ein jähes Ende, und ihre Gesichter erbleichten vor Angst und Schrecken. Breydel raffte in diesem Augenblick all seine Kräfte, die ihm die Natur so freigebig verliehen hatte, zusammen und riß sich von seinen Wächtern los. Wie ein Leopard stürzte er sich auf die beiden Söldner, die ihn am meisten gereizt hatten, und krallte seine Hände um ihre Kehlen.

„Für Dich, Du Löwe von Flandern, will ich sterben, aber nicht am Galgen, nicht ohne Rache!“

Mit diesen Worten drückte er die Gurgel der Söldner so fest zu, daß ihre Wangen bleich und bleifarben wurden; mit unwiderstehlicher Gewalt schüttelte er die Körper seiner Feinde hin und her und schlug ihre Köpfe mit furchtbarer Kraft widereinander. Durch das Würgen betäubt, leisteten sie keinen Widerstand, und ihre Arme hingen schlaff an ihrem Körper herunter. Die Tat war unbeschreiblich schnell vollbracht. Als die übrigen Franzosen ihre Genossen in Gefahr sahen, liefen sie fluchend herbei. Aber Breydel ließ die Erwürgten zu Boden fallen und floh eiligst davon. Er wurde von den Söldnern bis an einen breiten Graben verfolgt. Gewohnt, auf Wiesen und Weiden seinem Gewerbe nachzugehen, sprang Breydel wie ein Hirsch über das Wasser und lief weiter nach Saint Kruis. Zwei Söldner versuchten es, ihm nachzutun, aber sie fielen bis an den Hals hinein und mußten die Verfolgung aufgeben. – Der Obmann der Fleischer eilte voll Wut nach Brügge und ging stracks nach seiner Wohnung. Er fand nur einen jungen Gesellen dort vor, der sich just anschickte, auszugehen.