Durch eine rasche Bewegung riß sie sich aus den Armen des Ritters und sprang laut jammernd vom Bett auf. In ihrer Angst lief sie nach dem Ausgang des Saales und wollte entfliehen. Der Ritter erbebte und warf sich ihr ängstlich in den Weg, um sie zurückzuhalten. Wie schrecklich war dies Schauspiel, wie unermeßlich der Schmerz des Ritters! Er umfaßte seine Tochter mit banger Sorge und versuchte, sie zum Bette zurückzubringen; aber sie in ihrer Verwirrung hielt ihn für ihren Feind und kämpfte mit furchtbarer Heftigkeit gegen ihren verzweifelten Vater. Mit fast übernatürlicher Anstrengung entwand sie sich mehrmals seinen Händen, und er mußte ihr im Saale nachsetzen; sie schrie laut auf und schlug bei ihrem Widerstreben mit unglaublicher Kraft um sich. Um sie an der Flucht zu hindern, sah ihr Vater sich genötigt, sie mit größerer Gewalt zurückzuhalten und sie fest in seine Arme zu drücken. Er machte von seiner Kraft Gebrauch, hob das klagende Mägdelein empor und trug es auf das Bett zurück. Sie betrachtete ihn mit zornigen Blicken und begann bitterlich zu weinen.

„Ihr habt die Kräfte eines Mägdeleins niedergezwungen, falscher Ritter,“ schluchzte sie. „Was zaudert Ihr nun? Niemand sieht ja Euer Verbrechen als Gott allein. Aber dieser Gott hat den Tod zwischen uns gestellt! Ein Grab gähnt zwischen uns! Darum weint Ihr.“

Der unglückliche Vater war so schmerzzerrissen, daß er diese Worte nicht hörte. Wiederum setzte er sich gramerfüllt nieder und betrachtete sein weinendes Kind mit irrem Blick; unbeschreibliche Qualen nagten an ihm und raubten ihm den Mut; sein Haupt sank kraftlos auf die Brust.

Währenddessen hatten sich Machtelds Augen geschlossen, und sie schien zu schlafen. Ein lichter Hoffnungsschimmer drang in das Vaterherz; diese Ruhe konnte sein Leiden und die Schmerzen seiner Tochter lindern. In diesem Gedanken verhielt er sich ganz still, um den Schlaf des Mägdeleins nicht zu stören. Er betrachtete sie mit liebevollem Blick, und trotz allen Schmerzes empfand er doch noch eine wehmütige Freude.

[XIV.]

Einige Zeit, nachdem Breydel das zerstörte Schloß verlassen hatte, kam er mit seinen Genossen nach Saint-Kruis. Schon unterwegs waren ihm viele Brügger entgegengekommen und hatten ihm mitgeteilt, daß die französische Besatzung der Stadt gewaffnet bereit stünde, um ihn in Empfang zu nehmen. Noch siegestrunken von dem errungenen Erfolge hörte er auf keine Warnungen und hielt sich für stark genug, den Franzosen zum Trotz Brügge zu betreten; aber einige Schritte hinter dem Dorfe Saint-Kruis ward er mit seinen Fleischern durch ein unerwartetes Hindernis aufgehalten.

Der Weg bis zum Stadttor wimmelte so von Menschen, daß man unmöglich durch die dichten Scharen dringen konnte. Trotz der noch herrschenden Dunkelheit konnte man aus dem Gebraus der Tausende von Stimmen die unzählbaren Massen ermessen, die aus der Stadt strömten. Mit staunender Verwunderung betrachtete Breydel diese Menge, die wie ein wogender See vorwärts drängte, und wich mit seinen Leuten zur Seite des Weges aus. Die Flüchtlinge liefen nicht verwirrt durcheinander, sondern jede Familie hielt sich für sich, ohne sich unter die anderen zu mischen. Fast in jedem Trupp war eine weinende Frau; auf die Schulter der einen lehnte sich ein greiser Vater, eine andere trug einen Säugling an der Brust und führte ihre schreienden, müden Kinder an der Hand. Dahinter kamen die älteren Söhne, die unter der Last des Hausgeräts und des Bettzeugs gebückt dahinzogen. Solcher Gruppen gab es unendlich viele. Manche hatten kleine Wagen voll Waren, die sie in Sicherheit brachten, etliche saßen zu Pferde; doch Lasttiere hatten nur sehr wenige.

Breydel hätte gern die Ursache dieses seltsamen Zuges erfahren und fragte viele Flüchtlinge, wohin sie strebten, und weshalb sie ihre Stadt verließen; aber die Klagerufe der Frauen gaben ihm keine Lösung dieses Rätsels.

„O Herr!“ rief die eine, „die Franzosen wollen uns lebendig verbrennen, wir entfliehen qualvollem Tode!“

„Ach, Meister Breydel,“ rief eine andere noch schmerzvoller, „wenn Euch Euer Leben lieb ist, geht nicht nach Brügge; denn für Euch steht ein Galgen über dem Schneidertor!“