„Fleischer und Weber! In gemessenem Schritt – – vorwärts marsch!“
Auf diesen Befehl setzten sich die Rotten in Bewegung, und das kleine Heer zog langsam des Wegs dahin. Bald stießen sie bei Saint-Kruis auf die Frauen und Kinder, die dort mit Hab und Gut hockten. Seltsam sah es auf diesem wirren Lagerplatze aus. Unzählige Familien hatten sich auf einem ausgedehnten Felde niedergelassen. Die Nacht war so düster, daß man kaum einige Schritte vor sich etwas unterscheiden konnte. Aber man hatte schon etliche Feuer angezündet, so daß man die traurigen Familien beisammensitzen sah. Die Flammen beleuchteten mit rötlichem Schein die bekümmerten Züge der Mütter und zeigten, wie sie mit banger Liebe den Säugling an die beklemmte Brust drückten. Andere Kinder lagen ermüdet auf den Knien und weinten vor Hunger und Durst gar bitterlich; aber man konnte ihnen nichts zur Erquickung bieten. Wie schwer mußten die armen Mütter bei diesem schmerzlichen Anblick leiden! Das Geräusch auf dem Lagerplatz klang bei der Dunkelheit und dem Leuchten des Feuers noch unheimlicher. Das Geschrei der Kinder und die unterdrückten Klagen der Frauen griffen tief in die Seele, wie das letzte Gebet am Freundesgrab. Durch alles dieses tönte der ängstliche Ruf der Kinder, die ihre Mütter verloren hatten, und das Heulen der Hunde, welche vergeblich ihre Herren in dieser Verwirrung suchten.
De Coninck ging mit Breydel in ein Haus am Wege und ließ sich von den Bewohnern ein Zimmer anweisen. Mit der größten Ehrerbietung räumten ihm die Landleute ihre ganze Wohnung ein und führten die beiden berühmten Brügger in eine kleine Kellerkammer zu ebener Erde. De Coninck nahm der Frau, welche sie dorthin führte, die Lampe aus der Hand. Als sie das Zimmer verlassen hatte, schloß er die Tür fest zu, damit sie niemand belauschte oder überraschte. Dann gab er Breydel einen Zettel und setzte sich neben ihn. Während der Fleischer ihn neugierig ansah, begann er:
„Erst will ich Euch erklären, warum wir die Stadt in der Nacht wie Flüchtlinge verlassen. Daran seid Ihr schuld mit dem unvorsichtigen Racheakt, den Ihr gegen Euer Gelübde an der Besatzung von Male begangen habt. Als die Flammen himmelhoch über dem Wald emporlohten, wurden die Sturmglocken in der Stadt gezogen, und alle Einwohner liefen ängstlich zusammen. In diesen traurigen Zeiten sehen sie ja immer den Tod vor sich. Herr von Montenay hatte seine französischen Söldner, und zwar nur um der eigenen Sicherheit willen, auf dem Markte versammelt. Man wußte nicht, was vorging; aber als einige Eurer Schlachtopfer von Male herbeieilten und laut schrien, man müsse an den Brüggern Rache nehmen, da waren sie nicht mehr zu halten; sie wollten alles verbrennen und ermorden, und Herr von Montenay mußte ihnen mit dem Tode drohen, um mit ihnen fertig zu werden. Ihr könnt Euch denken, daß ich angesichts dieser Lage meine Weber versammelt hatte und mich zu blutiger Gegenwehr bereit machte. Vielleicht wäre es uns geglückt, die Franzosen zu verjagen, aber das hätte uns nur geschadet; ich werde Euch das gleich beweisen. Ich ging dann unter freiem Geleite zu Herrn von Montenay und erlangte von ihm, daß er nichts wider die Stadt unternehme unter der Bedingung, daß wir alle stehenden Fußes fortzögen. – Bei Sonnenaufgang wird er alle in der Stadt verbliebenen Klauwaerts hängen lassen.“
Breydel fuhr heftig auf, als er den Obmann der Weber diese schändlichen Bedingungen so kaltblütig erzählen hörte.
„Ist es möglich!“ rief er; „wie konntet ihr das so feigherzig annehmen? Ihr laßt euch wie eine Herde dummer Schafe vertreiben? Wäre ich zur Stelle gewesen, ihr hättet Brügge nicht verlassen!“
„Oho, wäret Ihr dagewesen! Wißt Ihr, was dann geschehen wäre? Die Straßen von Brügge lägen voller Leichen, verheerende Flammen hätten unsere Häuser bereits in Asche gelegt. Aber, mein leidenschaftlicher Freund Jan, ich muß Euch erst die Lage noch besser klarmachen; dann werdet Ihr mir sicher recht geben. Solange die anderen Städte des Landes von den Fremden geknechtet werden, kann die Stadt Brügge nicht frei und unabhängig bleiben; denn alsdann hocken unsere Feinde dauernd unter unseren Wällen. Man darf auch nicht das Vaterland über die Geburtsstadt vergessen. Die Ketten der französischen Zwingherrschaft können wir nur mit Hilfe der anderen Städte Flanderns brechen, weil in jedem Orte Feinde wohnen, die alles darauf anlegen würden, uns die errungene Freiheit wieder zu rauben. Gewiß habt auch Ihr daran wohl schon gedacht, aber in Eurer aufbrausenden Hitze springt Ihr über die Hindernisse, ohne sie aus dem Wege zu räumen. Etwas weit Bedeutsameres ist Euch entgangen; wollt Ihr mir, bitte, auf die Frage antworten: Wer gab uns das Recht, zu morden und zu brennen? Wer hat solchen Taten, die auf Erden mit dem Tod, bei Gott mit Verdammnis bestraft werden, bei uns Gesetzesrechte verliehen?“
Breydel blickte De Coninck unwirsch an und entgegnete:
„Aber, Meister, ich glaube, Ihr sucht mich mit hochtrabenden Reden zu verwirren. Wer gab uns das Recht, zu morden und zu brennen? Sagt, wer gab es denn den Franzosen?“
„Wer? Ihr König Philipp der Schöne und ihr Feldherr Châtillon. Die Fürsten tragen auf ihren gekrönten Häuptern auch Lohn oder Strafe für ihre guten oder bösen Anordnungen; durch Treue und Gehorsam kann ein Untertan nicht sündigen. Das vergossene Blut zeugt wider den Herrn, der gebietet, nicht wider den Diener, der gehorcht. Aber wir, die wir ohne Befehl, nur aus freiem Willen zu Werke gehen, sind auch vor Gott und der Welt verantwortlich für unsere Taten; auf unsere Häupter fällt das durch uns vergossene Blut zurück.“