„Es ist wahr, durchlauchtigster Graf,“ antwortete De Coninck, „viele Herren haben sich gegen das Vaterland erklärt, aber die Zahl der treugebliebenen Adligen ist doch größer als die der Abtrünnigen. Meine Versuche sind auch nicht mißglückt, wie Eure Gräfliche Hoheit das glauben. Nie war Flandern der Befreiung näher; just zu dieser Stunde sind die Herren Gwijde und Johann van Namen mit vielen anderen Edeln im Weißbusch bei Dale versammelt, um einen mächtigen Bund zu schließen. Sie warten nur auf mich.“
„Was sagt Ihr, Obmann? So nahe diesen Ruinen sind meine beiden Brüder?“
„Ja, Hoher Herr, Eure beiden durchlauchtigen Brüder und auch Euer treuer Freund Jan van Renesse.“
„O Gott! und ich kann sie nicht umarmen! Herr Dietrich hat Euch gesagt, unter welcher Bedingung ich meinen Kerker verlassen habe. Ich will das Leben des Jünglings, der mir augenblicklich die Freiheit verschafft hat, nicht in Gefahr bringen; und doch wünsche ich, meine Brüder zu sehen. Ich will mit Euch gehen, aber mit geschlossenem Visier. Scheint es mir nötig, mich zu entdecken, so werde ich Euch ein Zeichen geben, und Ihr sollt dann den anwesenden Rittern das Ehrenwort abnehmen, daß sie meinen Namen geheim halten; wenn sie es verweigern, dann werde ich mich nicht entdecken. Auch sprechen werde ich nicht.“
„Wie Ihr es wollt, mein Herr; Ihr werdet sicher mit mir zufrieden sein; denn ich verstehe Euch sehr wohl. – Die kranke Machteld scheint zu schlafen; möchte ihr doch die Ruhe heilsam sein!“
„Sie schläft nicht, das arme Kind, sie schlummert vor Mattigkeit. Aber mir scheint, ich höre Schritte von Menschen. So, nun habe ich meinen Helm aufgesetzt; jetzt kennt Ihr mich nicht mehr, vergeßt das nicht!“
Der Arzt trat mit Breydel in den Saal, grüßte ehrerbietig den schwarzen Ritter und ging, ohne etwas zu sagen, zu der Kranken. Nachdem er die übliche Untersuchung vorgenommen hatte, erklärte er, die Jungfrau müsse schleunigst zur Ader gelassen werden, und tat dementsprechend mit der Lanzette einen Stich in die Ader ihres linken Armes, während die beiden Obmänner sie auf dem Bette festhielten. Der Graf seufzte schmerzlich und wandte sich nach einer anderen Seite des Saales. Als das Blut in sprudelndem Strahl aus dem Arme seines unglücklichen Kindes hervorsprang, packte ihn bitteres Weh, und er erzitterte heftig. Als er seine Betrübnis mühsam überwunden hatte, wandte er sich wieder zu seiner Tochter, aber ohne sie anzublicken. Der Arzt stillte das Blut erst, als ihre Kräfte zu schwinden begannen. Sie atmete noch einigemal tief auf und sank dann in eine krampfhafte Ohnmacht. Nun wurde ihr der Arm verbunden, und sie schien zu schlafen.
„Mein Herr,“ sprach der Arzt, zu Robrecht gewandt, „ich versichere Euch, daß die Jungfrau keine Gefahr läuft. Die Ruhe wird ihren Geist wiederherstellen.“
Als der Graf die tröstenden Worte hörte, winkte er den beiden Obmännern und ging aus dem Saal. Draußen vor den Ruinen sprach er zu Breydel: „Meister, ich empfehle mein Kind Eurer Sorge. Kehrt zu ihr zurück und bewacht die Tochter Eures Grafen bis zu meiner Wiederkehr. Meister Peter, wir gehen zum Weißbusch.“