Er holte seinen Traber und ritt aus den Ruinen. De Coninck begleitete ihn zu Fuß und ließ sein Pferd am Wege stehen, obgleich er mit dem Grafen daran vorbeikam; denn er wußte sehr wohl, daß es ihm nicht geziemte, neben seinem Landesherrn zu reiten.

Kurz vor dem Weißbusch traten ihnen ungefähr zehn Herren entgegen. Sobald sie De Coninck erkannten, wandten sie sich mit den beiden zum Wald zurück. Die vornehmsten unter ihnen waren Johann Graf van Namen und der junge Gwijde, beide Brüder Robrechts van Bethune, Wilhelm van Jülich, ihr Neffe, Priester und Probst zu Aachen, Johann van Renesse, der mutige Seeländer, Johann Borluut, der Held von Woeringen, Arnold van Oudenaarde und Balduin van Papenrode. Die Gegenwart eines unbekannten Ritters erfüllte sie mit größtem Mißtrauen, und sie blickten auf De Coninck, als ob sie von ihm schleunige Aufklärung erwarteten. Der Vorsteher der Weber trat mitten unter sie und sprach:

„Meine Herren, ich bringe Euch den größten Feind der Franzosen, den edelsten Ritter von Flandern. Ein sehr triftiger Grund, an dem das Leben eines vortrefflichen Menschen hängt, verbietet ihm, sich jetzt Euer Edeln erkennen zu geben; wollet es ihm also nicht mißdeuten, daß er seinen Helm geschlossen hält und auch nicht spricht; denn seine Stimme ist Euch allen wie die Stimme Eurer Mutter bekannt. Meine lang erprobte Treue mag Euer Edeln eine Bürgschaft dafür sein, daß ich keinen falschen Bruder in unseren Kreis bringe.“

Die Ritter verwunderten sich über diese seltsame Erklärung und versuchten, den Namen des Unbekannten zu erraten; doch da ihnen die Gegenwart des gefangenen Löwen ganz unmöglich scheinen mußte, so gingen all ihre Vermutungen in die Irre. Sie verließen sich jedoch vollständig auf den vorsichtigen Obmann der Weber und schickten ihre Diener nach den verschiedenen Seiten, um sich vor einer unerwarteten Überraschung zu sichern. De Coninck begann hierauf folgendermaßen:

„Meine Herren, die Gefangenschaft unseres durchlauchtigsten Landesherrn ist den Brüggern sehr schmerzlich gewesen. Es ist wahr, wir haben uns manchmal gegen euch erhoben, weil man unsere Vorrechte verletzen wollte, und vielleicht habt ihr gedacht, wir würden es mit den Franzosen halten. Aber bedenkt, ein edelmütiges und freies Volk kann keine fremden Gebieter dulden; seit dem verräterischen Anschlag Philipps des Schönen haben wir wiederholt unser Leib und Gut daran gewagt; mancher Franzose hat die Freveltat seines Fürsten mit dem Tode gebüßt, und das Blut der Vlaemen ist zu Brügge in Strömen geflossen. Angesichts dieser Lage habe ich mich unterfangen, Eurer Edeln wegen der Möglichkeit einer allgemeinen Befreiung vorstellig zu werden; ich glaube, unser Joch ist stark erschüttert und kann durch einen kräftigen Stoß abgeschüttelt werden. Ein glücklicher Zufall kam uns wundersam zu statten: der Obmann der Fleischer hat das Schloß Male zerstört, und deshalb hat Herr von Montenay alle Klauwaerts aus Brügge verjagt; nun befinden sich meine Zunftgenossen in Stärke von mehr als fünftausend Mann zu Damm. Siebenhundert Fleischer haben sich uns angeschlossen, und ich kann Euer Edeln versichern, die Fleischer mit ihrem Obmann Breydel brauchen auch vor zehnmal so viel Franzosen nicht zu weichen; es ist eine wahre Löwenschar. Wir besitzen nun ein Heer, das nicht zu verachten ist, und können sofort gegen die Franzosen in den Kampf ziehen, wenn durch euch die nötige Hilfe aus den andern Städten zu uns stößt. Dies mußte ich euch bekanntgeben; wollet nun die nötigen Maßregeln treffen. Der Augenblick ist günstig! Ich erwarte eure Befehle, um mich als getreuer Untertan nach ihnen zu verhalten.“

„Mich dünkt,“ antwortete Johann Borluut, „allzu große Eile kann uns nur schaden. Wohl sind die Brügger aufgestanden und zum Kampf bereit, doch in anderen Städten ist es noch nicht so weit gediehen. Man sollte die Rache noch etwas hinausschieben, um mehr Mittel sammeln zu können. Ihr könnt sicher sein, daß das Heer der Franzosen durch eine große Schar vlaemischer Abtrünniger und Leliaerts verstärkt werden wird. Wir müssen bedenken, daß wir die Freiheit des Vaterlands in diesem Spiele wagen; denn wenn wir in diesem Kampfe unterliegen, so ist es für immer verloren. Dann können wir unsere Waffen nur noch an den Nagel hängen.“

Da der edle Borluut durch ganz Flandern als ein tüchtiger und weiser Krieger bekannt war, so stimmten viele der anwesenden Ritter, darunter auch Johann van Namen, seiner Rede bei. Doch nun trat der junge Gwijde vor und sprach mit Leidenschaft:

„Bedenkt doch, meine Herren, daß jede enteilende Stunde eine Stunde des Leidens für meinen alten Vater, für meine unglücklichen Blutsverwandten bedeutet; bedenkt, welchen Schmerz mein durchlauchtigster Bruder Robrecht erdulden muß! Wir haben ihn hilflos in den Händen seiner Feinde gelassen; wir ließen in feigem Abwarten unsere Schwerter rosten und die Schande auf unseren Häuptern sich häufen! Wenn unsere gefangenen Brüder aus ihren Kerkern uns fragend zurufen könnten: Wie habt ihr euch eurer Schwerter bedient, wie seid ihr den Pflichten eines Ritters nachgekommen? – was könnten wir ihnen dann antworten? Nichts! Schamröte würde unsere Wangen färben und unser Haupt sich unter ihrem Vorwurf beugen. Nein, ich will nicht länger warten; das Schwert ist gezückt, und nur mit dem Blute der Feinde gerötet soll die Scheide es fürder umfangen. Ich hoffe, daß mein Neffe Wilhelm mich bei diesem Unternehmen durch seinen Beistand unterstützen wird.“

„Je eher, je lieber,“ rief Wilhelm von Jülich, „nur zu lange haben wir die Leiden der Unseren voller Leides mitangesehen. Es ziemt sich nicht, für einen Mann, sich so lange reizen zu lassen, ohne sich zu rächen. Ich habe den Harnisch angetan, und ich werde ihn erst am Tage der Befreiung wieder ablegen. Ich kämpfe mit meinem Neffen Gwijde und will von keinem Hinziehen mehr hören.“

„Aber, meine Herren,“ nahm Johann Borluut das Wort, „darf ich euch bemerken, daß wir Zeit brauchen, um unsere Leute heimlich zu versammeln, daß es euch an Hilfe fehlen wird, wenn ihr ohne uns ins Feld zieht; Herr van Renesse hat bereits ähnliche Bedenken geäußert.“