„In weniger als vierzehn Tagen kann ich wirklich meine Vasallen nicht unter die Waffen bringen,“ sprach Herr van Renesse, „und ich würde den Herren Gwijde und Wilhelm raten, sich dem Rat des edeln Borluut zu fügen. Jedenfalls ist es unmöglich, die deutschen Reiter so bald hierher zu bringen. Was dünkt Euch, Meister De Coninck?“
„Wenn die Worte eines geringen Untertanen vor den Herren seines Landes einigen Wert haben sollen, so würde ich ebenfalls zur Vorsicht raten, obgleich es meinem Plan zuwiderläuft. In diesem Fall würden wir unsere übrigen Brüder auch noch aus Brügge locken und so unser Heer vermehren; inzwischen würden diese Herren ihre Vasallen versammeln können und bereit halten, bis Herr von Jülich mit seinen deutschen Reitern zu uns stößt.“
Der schwarze Ritter gab mehrmals seine Unzufriedenheit durch Kopfschütteln zu erkennen; er war sichtlich in großer Versuchung, zu sprechen, doch jedesmal hielt er sich zurück. Endlich mußten sich Gwijde und Wilhelm dem Willen der anderen Herren fügen, denn diese waren sämtlich gegen den Vorschlag der beiden Brüder. Es wurde dann näher festgestellt, daß De Coninck sein Volk zum Damm und zu Aardenberg lagern sollte; Wilhelm von Jülich sollte nach Deutschland, um seine Reiter zu holen, der junge Gwijde die Söldner des Grafen, seines Bruders, aus Namen herbeiführen; Herr van Renesse nach Seeland, und die übrigen ein jeglicher nach seiner Herrschaft, um alles zum allgemeinen Aufstand vorzubereiten.
In dem Augenblick, da sie einander die Hände zum Abschied drückten, hielt sie der schwarze Ritter durch einen Wink zurück und sprach:
„Meine Herren!…“
Seine Stimme rief allgemeines Erstaunen unter den Rittern hervor; sie streiften einander mit flüchtigem Blick, um die eigene Vermutung in den Mienen der anderen bestätigt zu finden. Aber der junge Gwijde stürzte vor und rief:
„O glückliche Stunde! Mein Bruder, mein lieber Bruder, Deine Stimme dringt zum Grunde meines Herzens!“
Mit ungestümer Gewalt riß er den Helm von dem Haupte des schwarzen Ritters und umarmte ihn in inniger Liebe.
„Der Löwe, unser Graf!“ stießen alle hervor.
„Unglücklicher Bruder!“ fuhr Gwijde fort, „Du hast so viel gelitten, und Deine Gefangenschaft hat mich so tief bekümmert. Doch nun, o Seligkeit! kann ich Dich umarmen. Du hast Deine Ketten zerbrochen und Flandern hat seinen Grafen wieder. Vergib mir meine Tränen, sie fließen aus Liebe zu Dir, im schmerzvollen Gedenken an Dein Leid. Dank sei dem Herrn für dies unerwartete Glück!“