Robrecht drückte den jungen Gwijde zärtlich an sein Herz; dann wandte er sich zu seinem anderen Bruder Johann van Namen, umarmte auch ihn und sagte alsdann:

„Meine Herren, ich hatte wichtige Gründe, mich nicht zu entdecken. Aber ich halte es für meine Pflicht, euch etwas mitzuteilen, was euren Entschluß ändern muß. Wißt denn, daß der König von Frankreich all seine Lehensleute mit ihren Untergebenen entboten hat, um gegen die Mauren zu Felde zu ziehen! Da er diesen Zug nur unternimmt, um den König von Majorka wieder in den Besitz seines Reiches zu setzen, so ist es sicher, daß er dieses mächtige Heer viel eher gebrauchen wird, um Flandern zu behaupten. Die Zusammenkunft ist auf Ende Juni festgesetzt. Also noch einen Monat, und Philipp der Schöne steht an der Spitze von siebzigtausend Mann. Bedenkt nun, ob es nicht ratsam wäre, die Befreiung vor diesem Zeitpunkt ins Werk zu setzen; später wird es unmöglich sein. Ich befehle euch nichts, denn morgen muß ich in meine Haft zurückkehren.“

Die Ritter begriffen die Bedeutung seiner Worte und beschlossen möglichste Eile. Dies änderte ihren Plan, indem sie nicht länger warten, sondern schleunigst mit ihren Scharen zu De Coninck nach Damm kommen wollten. Der junge Gwijde wurde als nächster Blutsverwandter Robrechts zum Oberbefehlshaber des Heeres ernannt, da Wilhelm von Jülich diese Würde in Rücksicht auf seinen Stand als Priester nicht annehmen wollte. Johann van Namen konnte den Vlaemen nicht persönlich beistehen, denn bei der bevorstehenden Bewegung hatte er genug zu tun, sich seine Grafschaft zu erhalten; aber er wollte ihnen doch eine starke Abteilung Reiter zuschicken.

Kurz darauf brachen die Herren nach ihren Herrschaften auf. Robrecht blieb mit seinen Brüdern, seinem Neffen Wilhelm und De Coninck allein.

„O Gwijde!“ sprach Robrecht tief bewegt, „o Wilhelm! ich bringe euch eine so schreckliche Nachricht, daß meine Zunge sie nicht wiederzugeben wagt, daß der bloße Gedanke daran mir schon die Augen mit Tränen füllt. Ihr wißt, wie boshaft die Königin Johanna unsere arme Schwester Philippa gefangen genommen hat. Sechs Jahre war ein Kerker des Louvre die Behausung der Unglücklichen, und während dieser ganzen Zeit hat sie weder ihren Vater noch ihre Brüder sehen dürfen. Ihr glaubt sie noch auf Erden; denn ihr fleht zu Gott um ihre Befreiung; aber ach! eure Gebete sind vergeblich! Unsere Schwester hat man vergiftet und ihren Leichnam in die Seine geworfen.“

Wenn die Trauer zu tief ins Herz des Menschen greift, raubt sie ihm jählings die Sprache; so erging es auch mit Gwijde und Wilhelm. Sie erbleichten und starrten schweigend vor sich hin. Gwijde erwachte zuerst aus seiner Bestürzung.

„So ist es denn wirklich wahr,“ seufzte er, „Philippa ist tot! O seliger Geist meiner armen Schwester, Du kannst in meinem Herzen meinen Gram, den Rachedurst lesen, der mich beseelt. Du sollst gerächt werden! Ströme von Blut will ich im Gedenken an Dich vergießen!“

„Laßt Euch nicht zu sehr vom Schmerz hinreißen, teurer Neffe,“ sprach Wilhelm von Jülich. „Beklagt Eure Schwester, betet für ihre Seele; aber kämpft für die Freiheit des Vaterlands. Das neidische Grab gibt seine Toten auch nicht für Blut wieder zurück.“

„Brüder,“ unterbrach sie Robrecht, „kommt, bitte, mit zu eurer Nichte Machteld; sie befindet sich nicht weit von hier. Ich werde euch unterwegs noch manches Traurige berichten; laßt eure Diener hier warten.“

Robrecht erzählte ihnen nun, wie wundersam er sein Kind aus den Händen der Franzosen befreit, welchen Schmerz er in den Ruinen von Nieuwenhove erlitten hatte. Doch sein Kummer hatte sich gesänftigt, denn er vertraute den Worten des Arztes. Die Hoffnung, daß Machteld ihn endlich erkennen werde, goß Trost in sein Herz, und er vertraute auf seine Seelenstärke, die ihm helfen würde, auch diesen Schmerz zu überwinden. Bald kamen sie in den Saal, wo Machteld ruhig zu schlafen schien. Ihre Wangen waren weiß wie Alabaster und ihr Atem so schwach, daß sie einer Toten glich. Als die Ritter das mit Schmutz vermengte Blut auf Machtelds Kleidern sahen, packte sie arge Bestürzung. Voll innigen Mitleids falteten sie die Hände, doch sie sagten nichts; denn der Arzt hatte den Finger auf den Mund gelegt und ihnen so zu verstehen gegeben, daß die größte Ruhe herrschen müsse. Der junge Gwijde umarmte seinen Bruder Robrecht und weinte heftig an seiner Brust.