„O Himmel,“ schluchzte er, „wie liegt es da, des Löwen Kind!“

Der Arzt winkte die Ritter zum Eingang und führte sie aus dem Saal; dann sprach er:

„Die Jungfrau ist wieder im Besitz ihrer Sinne, aber sie ist sehr schwach und ermattet; in eurer Abwesenheit ist sie einmal erwacht und hat Meister Breydel erkannt; sie hat ihn vielerlei gefragt, um ihr Gedächtnis zu sammeln. Er hat sie getröstet und ihr versichert, daß Herr van Bethune kommen werde, sie zu besuchen; es ist nicht ratsam, meine Herren, diese Hoffnung zu zerstören; deshalb rate ich, nicht von ihr zu gehen. Auch ist es nötig, daß die Dame ein besseres Lager und andere Kleider bekommt.“

Robrecht kehrte mit seinen Brüdern zu Machteld zurück und betrachtete ihre bleichen Züge mit stillem Kummer. Ihre Lippen bewegten sich, und von Zeit zu Zeit stieß sie unverständliche Laute aus. Mit einem kräftigeren Atemzug wiederholte sie zweimal das Wort „Vater!“ – es tönte wie ein süßer Harfenklang in Robrechts Ohr; im Übermaß seiner Liebe preßte er seinen Mund auf die Lippen der träumenden Tochter. Dieser lange Kuß schien der Jungfrau neues Leben einzuflößen. Leichte Röte erschien auf ihren Wangen, und ihre Augen öffneten sich unter sanftem, seligem Lächeln. Unbeschreiblich war der Ausdruck in den Zügen des Mägdeleins. Sie blickte schweigend in ihres Vaters Augen und schien in süßestem Entzücken zu schwelgen. So sehen gewiß die Engel im Himmel aus, wenn sie das Antlitz des Herrn erschauen! Alsbald hob die Jungfrau ihre Arme, und Robrecht beugte sich zu ihr herab, um sich von ihr umarmen zu lassen. Aber das war nicht des Mädchens Absicht: es streichelte mit ihren zarten Händen liebkosend seine Wangen. Beide waren in Wonne versunken und spürten in sich eine Welt voll Seligkeit. Nun hatte der Vater all seine Schmerzen vergessen und dankte er Gott, der die Unglücklichen für Freude nur um so empfänglicher macht.

Nicht minder ergriffen waren die Umstehenden von diesem Anblick heiliger Vaterliebe; sie wagten nicht, das feierliche Schweigen durch einen Laut zu stören und trockneten heimlich ihre Tränen. Ihre Haltung war jedoch ganz verschieden: Johann van Namen konnte seine Erschütterung am besten bemeistern und stand mit starrem Blick, erhobenen Hauptes da. Wilhelm von Jülich, der Priester, war niedergekniet und betete mit gefalteten Händen. Bei dem jungen Gwijde und Jan Breydel mischte sich bitterer Schmerz mit glühender Rachsucht; das war in ihren zusammengepreßten Lippen und den drohenden Bewegungen ihrer geballten Fäuste deutlich zu lesen. De Coninck, der in anderen Fällen so kalt schien, war jetzt der Betrübteste von allen; seine Tränen flossen in Strömen unter der Hand hervor, mit der er sein Gesicht bedeckte.

Endlich erwachte die junge Machteld aus ihrem stillen Schauen. Leidenschaftlich drückte sie das Haupt ihres Vaters an ihr klopfendes Herz und sprach mit schwacher Stimme:

„O mein Vater! mein geliebter Vater! Da liegt Ihr nun an dem Herzen Eures glücklichen Kindes! Ich fühle Euer Herz an dem meinigen schlagen! Gott sei gelobt, der dem Menschen so viel Glück beschert! Bleibet so dicht bei mir, lieber Vater, denn Eure Küsse versetzen mich in den Himmel!“

„Deine Liebe, mein Kind,“ rief Robrecht, „läßt mich alle erlittenen Leiden vergessen. Du kannst nicht begreifen, wie bitter es mir war, von Dir nicht erkannt zu werden; aber Gott allein weiß, wieviel Freude er in dieser Stunde meinem Herzen bereitet hat. Ich will meine Liebkosungen verdoppeln, denn sie sind ein Balsam für meine Seele. Meine liebe Machteld, wie traurig war doch Dein Los!“

Inzwischen war auch der junge Gwijde näher getreten und stand mit offenen Armen vor der Ruhestatt. Sobald Machteld ihn bemerkte, sprach sie, ohne ihren Vater loszulassen:

„Ach, mein geliebter Oheim Gwijde! Auch Ihr seid hier? Ihr weint über mich? Und Herr Wilhelm, der da drüben kniet und betet, und Herr van Namen – sind wir denn in Wijnendaal?“