„Wenn Ihr Euer Vaterland liebtet, so würdet Ihr den Tod Eurer unglücklichen Brüder nicht verlangen und ich, als Franzose, brauchte sie nicht zu verteidigen. Und nun wißt, damit es auch der Landvogt hört: Die Brügger würden uns die Lebensmittel nicht verweigert haben, wenn Ihr den weißen Pfennig nicht in so unvernünftig drückender Form eingefordert hättet. Euch verdanken wir diese Unruhen. Ihr sucht Eure Landsleute nur zu vergewaltigen und ruft dadurch in ihrem Herzen den bitteren Haß gegen uns hervor.“

„Ihr alle seid meine Zeugen, daß ich die Befehle des Herrn von Châtillon getreulich ausgeführt habe,“ entgegnete van Gistel.

„Das war durchaus nicht Eure Absicht,“ erwiderte Montenay, „vielmehr wolltet Ihr Euch für die Verachtung der Brügger rächen. Es ist ein arger Mißgriff des Königs, unseres Gebieters, daß er einen Mann, der von allen verachtet wird, zum Zollmeister über Flandern eingesetzt hat.“

„Herr von Montenay,“ rief van Gistel leidenschaftlich, „Ihr werdet mir für diese Worte einstehen.“

„Meine Herren,“ fiel Châtillon ihnen in die Rede, „ich verbiete jede weitere Auseinandersetzung in meiner Gegenwart; eure Schwerter mögen diesen Streit entscheiden. Ich sage Euch, Herr von Montenay, Eure Redensarten haben mir sehr mißfallen. Der Zollmeister hat meinem Willen gemäß gehandelt. Die Krone von Frankreich muß gerächt werden, und wenn die Rädelsführer die Stadt nicht verlassen hätten, so würde es mehr Galgen als Straßenkreuzungen in Brügge geben. Ehe ich nach Damm gehe, um die Zünfte zu strafen, will ich dieser aufrührerischen Stadt ein abschreckendes Beispiel bieten. Herr van Gistel, nennt mir die acht starrköpfigsten Klauwaerts, damit sofort die Gerechtigkeit ihren Lauf nehme.“

Um nicht um seine Rache zu kommen, ließ Gistel seine Augen über das bestürzte Volk schweifen und suchte acht der Männer aus der Menge heraus; diese nannte er dem Landvogt. Darauf mußte ein Herold vor dem Volk Aufstellung nehmen; nachdem er mit seiner Trompete Stille geboten hatte, verkündete er:

„Im Namen des mächtigen Königs Philipp, unseres Herrn und Gebieters, werden die Bürger, deren Namen ich jetzt nennen werde, auf der Stelle vor meinen Feldherrn Châtillon gerufen und entboten; wer sich nicht einstellt, soll unverzüglich und ohne Gnade mit dem Tode bestraft werden.“

Dieser Trug glückte vollständig: kaum waren diese Namen bekannt gegeben worden, so kamen die Klauwaerts aus der Menge zum Markt und begaben sich ohne Zögern zu Châtillon. Sie wußten wohl, daß sie nichts Gutes zu erwarten hatten, und würden sich vielleicht durch die Flucht gerettet haben, wenn es möglich gewesen wäre. Die meisten unter ihnen waren etwa dreißig Jahre alt, nur ein einziger Greis nahte langsamen Schrittes und gebeugten Hauptes. Stille Duldung lag in seinen Zügen, und nicht die geringste Furcht war darin bemerkbar. Er blieb vor Châtillon stehen und betrachtete ihn mit fragenden Blicken, als ob er sagen wollte: Was verlangt Ihr?

Sobald der letzte der Gerufenen herangekommen war, gab der Landvogt ein Zeichen, und die acht Klauwaerts wurden ungeachtet ihres Sträubens mit Stricken gebunden. Klagen und Murren erhob sich im Volke, aber eine Abteilung der Reiter stellte sich drohend vor ihm auf und machte es bald verstummen. In wenigen Augenblicken wurde ein langer Galgen auf dem Markte errichtet und ein Priester den Verurteilten zugeführt. Beim Anblick dieser schrecklichen Vorbereitungen flehten die Frauen und Brüder der unglücklichen Klauwaerts um Gnade, und das Volk drängte sich ungestüm zusammen. Lautes Schluchzen, vermischt mit Verwünschungen und Rachegeschrei, ertönte aus der Bürgerschar und lief wie ein Vorbote des Aufruhrs durch die Menge. Alsbald kam ein Trompeter heran und rief: