„Es sei euch kund und zu wissen getan: Wer sich widerspenstig getraut, die Rechtspflege des Landvogts, meines Herren, durch Rufen oder auf andere Weise zu stören, soll an demselben Galgen neben den Meuterern aufgehängt werden!“
Bei dieser Ankündigung erstarb die Klage in aller Munde, und Totenstille herrschte unter dem bangen Volke. Die Frauen blickten tränenüberströmt gen Himmel und flehten zu dem, der allein die Menschen versteht und hört, wenn ein Tyrann ihnen die Sprache raubt. Die Männer verfluchten ihre Ohnmacht und entflammten in fieberhafter Wut. Sieben Klauwaerts wurden der Reihe nach an den Galgen gehängt und starben angesichts ihrer Mitbürger. Der Schmerz der geängsteten Brügger wandelte sich in Verzweiflung. Jedesmal, wenn einer von der Leiter gestoßen wurde, beugten sie das Haupt zu Boden und wandten so ihre Augen von dem schrecklichen Schauspiel ab. Sicher würden viele sich von dem Platz entfernt haben, wenn sie sich hätten bewegen dürfen; aber das war ihnen verboten, und wenn sich nur die geringste Unruhe unter ihnen bemerkbar machte, kam ein Söldner mit entblößtem Schwert, um sie zur Ruhe zu zwingen.
Nur noch ein Klauwaert stand bei Herrn von Châtillon; jetzt war die Reihe, gehangen zu werden, an ihm. Er hatte gebeichtet und sich bereit gemacht; dennoch eilte man nicht mit ihm, denn der Landvogt hatte das Zeichen noch nicht gegeben. Inzwischen bemühte sich Montenay, die Begnadigung des greisen Vlaemen zu erlangen, aber van Gistel hatte auf diesen Klauwaert einen besonderen Haß geworfen und gab vor, er sei einer der Rädelsführer und habe sich der französischen Herrschaft am meisten widersetzt. Auf Befehl des Landvogts redete er den alten Vlaemen folgendermaßen an:
„Ihr habt gesehen, wie Eure Genossen für ihre Widerspenstigkeit bestraft worden sind. Gleich ihnen seid auch Ihr verurteilt; dennoch will der Landvogt aus Ehrfurcht vor Euren grauen Haaren Gnade vor Recht ergehen lassen. Er schenkt Euch das Leben unter der Bedingung, daß Ihr Euch fortan wie ein ergebener Untertan Frankreichs unterwerft. Rettet Euch mit dem Ruf: Heil Frankreich!“
Der Greis warf einen Blick voll Zorn und Verachtung auf den Abtrünnigen und antwortete mit bitterem Lächeln:
„Wenn ich Euch gliche, würde ich das wohl rufen; ich tät's, wenn ich mein weißes Haar durch eine niedere Tat besudeln könnte. Doch nein; ich verachte Euch und trotze Euch bis in den Tod. – Ihr, Verräter, gleicht der Schlange, die im Eingeweide ihrer Mutter wühlt; denn Ihr liefert den Fremden das Land aus, das Euch ernährt hat. Zittert! Ich habe noch Söhne, die mich rächen werden, und Ihr, Ihr werdet nicht in Eurem Bette sterben! Ihr wißt, daß ein Mensch in seiner letzten Stunde nicht lügen kann.“
Jan van Gistel erbleichte bei dieser feierlichen Verkündigung des Greises. Fast bereute er seine Rache, und er versank in trübes Sinnen; ein Verräter fürchtet den Tod gleich einem Racheboten des Herrn. Châtillon konnte an dem Gesicht des Klauwaerts hinlänglich bemerken, daß er hartnäckig blieb.
„Nun, was sagt der Meuterer?“ fragte er.
„Mein Herr,“ antwortete Gistel, „er verhöhnt mich und verachtet Eure Gnaden.“
„Hängt ihn!“ befahl der Landvogt.