Der Söldner, der das Henkeramt versah, nahm den Greis beim Arm, und der folgte ihm gehorsam bis zum Fuß der Leiter; es vergingen noch einige Augenblicke, ehe die Schlinge um seinen Hals gelegt war. Er empfing den letzten Segen des Priesters und setzte endlich seinen Fuß auf die Leiter, um den Galgen zu besteigen. Aber plötzlich ging trotz der Wachen eine ungestüme Bewegung durch das Volk. Vor einem unwiderstehlichen Drucke taumelten einige gegen die Mauern der Häuser, andere wurden vorwärts gestoßen, und ein Jüngling mit bloßen Armen drang durch die Menge bis auf den Markt. Kaum war er aus der dichtgedrängten Volksmasse heraus, so überschaute er mit wildem Blick den Markt, schnellte wie ein Pfeil vorwärts und rief:
„Vater, Vater! Ihr sollt nicht sterben!“
Mit diesen Worten zückte er einen Dolch und stieß ihn bis an das Heft in die Brust des Henkers. Der fiel mit einem Schmerzensschrei von der Leiter und wälzte sich sterbend in seinem Blut. Inzwischen umfaßte der junge Klauwaert seinen Vater, hob ihn vom Boden auf und lief mit seiner heiligen Bürde ins Volk zurück. Die Franzosen hatten in regungsloser Erstarrung diesen Auftritt mit angesehen, doch nur einen Augenblick. Châtillon riß sie schnell aus ihrer Bestürzung. Ehe noch der Jüngling zehn Schritte weit gelaufen war, hatten ihn mehr als zwanzig Söldner eingeholt. Er setzte seinen Vater auf den Boden und drohte seinen Feinden mit dem noch rauchenden Messer. Aber wohl fünfzig andere Vlaemen scharten sich um ihn, so daß die Söldner zwischen sie dringen mußten, um ihn zu packen. Aber wie groß wurde die Wut der Franzosen, als sie ihre zwanzig Gefährten einen nach dem anderen niederfallen sahen! Jählings blinkten die Messer in den Händen der umstehenden Klauwaerts, und die Söldner wurden unbarmherzig niedergestoßen, wobei freilich auch mancher Vlaeme sein Leben ließ.
Nun stürzte sich die ganze Reiterei wütend auf das flüchtende Volk. Die großen Schlachtschwerter trieben die Menge bald auseinander, und die Pferde zerstampften die Widerspenstigen. Doch sie waren nicht ungerächt gestorben: erschlagene Franzosen bildeten ihr Lager. Auch Vater und Sohn waren geblieben, ein Degen hatte beide durchbohrt. Das Volk floh wie ein reißender Strom mit ängstlichem Geschrei durch die Straßen hin. Alles eilte nach seiner Wohnung. Türen und Fenster wurden geschlossen, und einige Stunden später schien es, als hätte die Stadt keine Einwohner mehr.
Rasend vor Wut über den Tod ihrer Kameraden und von Natur zu Gewalttätigkeiten geneigt, liefen die Söldner in Scharen durch die menschenleeren Straßen und ließen sich die Häuser der Klauwaerts von den Leliaerts bezeichnen. Sie schlugen Türen und Fenster in Stücke, raubten Geld und Gut und zertrümmerten alles, was ihnen nicht kostbar genug oder zu schwer war. Die weinenden Mädchen, die man in Kellern oder anderen Verstecken auffand, wurden grausam mißhandelt. Männer, die ihre Frauen und Schwestern verteidigen wollten, wurden bald von der rasenden Horde überwunden und hingemordet. Hier und da lagen vor den Türen der geplünderten Häuser verstümmelte Leichen zwischen zertrümmertem Hausrat. Nichts als das wütende Geschrei der Söldner und das Jammern der unglücklichen Frauen war zu hören. Lachend kamen die Plünderer aus den verwüsteten Wohnungen, beladen mit geraubtem Gut, triefend von vlaemischem Blute. Zogen einige von Mord und Raub gesättigt ab, so traten andere, schlimmere an ihre Stelle, und so trieben die Franzosen Stunden um Stunden dies schändliche Spiel. Alle Schandtaten, die nur ein zügelloser Feind begehen kann, wurden durch sie ausgeführt. In der Wohnung Peter De Conincks blieb kein Stück ganz; selbst die Mauern wären nicht stehen geblieben, wenn die Plünderer nicht ihre Zeit zu anderen Missetaten gebraucht hätten. Eine andere Rotte lief geradewegs zum Hause des Obmanns Breydel. In wenig Augenblicken war die Tür eingestoßen, und zwanzig Söldner traten fluchend in den Laden; sie trafen niemanden, obgleich sie alle Stuben durchsuchten. Die Kassen wurden erbrochen, Geld und Gut geraubt und und alles in Trümmer verwandelt. Während sie müde und ermattet mit boshafter Freude auf die Schutthaufen starrten, kam einer ihrer Genossen die Treppe herab und sprach:
„Ich habe auf dem Boden ein Geräusch gehört, sicher verbergen sich Vlaemen unter dem Dach. Ich glaube, wir werden da noch bessere Beute finden, denn sie haben gewiß ihr Geld mitgenommen.“
Die Söldner wandten sich hastig nach der Treppe. Jeder wollte zuerst hinauf, aber die Stimme ihres Genossen hielt sie zurück.
„Wartet, wartet!“ rief er, „ihr könnt nicht hinauf, die Bodenluke ist wenigstens zehn Fuß hoch, und die Leiter haben sie aufgezogen; aber das hat nichts zu sagen, ich habe eine Leiter im Hofe stehen sehen; ich gehe schnell hin und hole sie.“
Er kam bald damit zurück und stieg mit seinen Genossen nach oben. Die Leiter wurde unter die Luke gestellt und man versuchte, sie aufzuheben. Aber das gelang nicht; ein starker Riegel hinderte sie.
„Schön!“ rief einer von ihnen, während er ein schweres Stück Holz vom Boden aufnahm, „da sie nicht gutwillig öffnen, wollen wir ein anderes Mittel versuchen.“