Die Arbeiter griffen voller Ungestüm zu den Waffen und liefen wild durcheinander, aber nur einen Augenblick. Schnell hatten sich die Züge geordnet, und bald standen die Gesellen bewegungslos in dichtgeschlossenen Reihen da. Breydel schickte fünfhundert erlesene Leute zu Machtelds Zelt; die Jungfrau war eilends dorthin zurückgekehrt. Ein Wagen und einige leichte Pferde wurden vor das Zelt gebracht und alles zur Flucht vorbereitet. Dann ging Breydel mit seinen Leuten rasch aus dem Gehölz und stellte sie in Schlachtordnung auf, um den Feind zu empfangen.

Bald bemerkten sie, daß sie sich getäuscht hatten, denn der Zug, der den Staub aufwirbelte, kam ohne jede Ordnung heran. Massen von Frauen und Kindern liefen durcheinander. Die Frauen weinten und wehklagten alle um eine Bahre, die von Männern herbeigetragen wurde. Die Ursache, weshalb die Zunftleute zu den Waffen gegriffen hatten, bestand also nicht mehr. Dennoch blieben sie in ihren Gliedern, stützten sich auf ihre Waffen und warteten neugierig, was das bedeute.

Endlich nahte der Zug dem Heere. Während sich viele Frauen und Kinder herzudrängten, um ihre Männer oder ihre Väter zu umarmen, enthüllte sich inmitten der Scharen ein schreckliches Bild. Vier Männer trugen die Bahre nahe vor Breydel hin und legten die Leichen zweier Frauen auf den Boden: deren Kleider waren ganz mit Blut befleckt; ihre Züge konnte man nicht erkennen, da ein schwarzer Schleier ihre Häupter bedeckte. Als die Leichen von der Bahre gehoben und auf den Boden gelegt wurden, erfüllten die Frauen die Luft mit ihren Klagen. Nur ein herzzerreißendes Wehe! Wehe! konnte man verstehen. Endlich rief eine Stimme:

„Die Franzosen haben sie grausam ermordet!“

Dieser Ruf weckte Wut und Rachedurst unter den Zunftleuten, die bis dahin bestürzt gewartet hatten; aber ihr Vorsteher Breydel wandte sich ihnen zu und rief:

„Der erste, der sein Glied verläßt, wird streng bestraft!“

Er war von quälender Unruhe gepeinigt, als ob ein Vorgefühl seines Unglücks sein Herz ergriffen hätte. Ungestüm lief er zu den am Boden liegenden Leichen und zog das Tuch von ihrem Angesicht. Aber o Gott! Welch furchtbarer Anblick für ihn. Kein Seufzer entrang sich seiner Brust, kein Glied bewegte er: er stand, als wäre er vom Schlage getroffen. Er war totenblaß, und seine Haare sträubten sich. Er starrte nur regungslos auf die Augen der Leichen; seine Lippen bebten; es war, als sei seine letzte Stunde gekommen. In dieser Stellung blieb er wenige Augenblicke; dann atmete er tief auf. Verzweifelt sprang er vorwärts zu seinen Leuten, reckte zugleich beide Arme und schrie schmerzvoll:

„O welch entsetzliches Unglück! Meine alte Mutter!… Meine arme Schwester!“

Mit diesen Worten warf er sich in De Conincks Arme und lag, aller Kraft beraubt, an der Brust seines Freundes. Mit schrecklichen Blicken stierte er rings umher, also daß seine Gefährten vor Angst und Mitleid zitterten. In seiner düsteren Verzweiflung nahm er sein Beil an seinen Mund und biß wie ein Rasender mit solcher Kraft in den Stiel, daß er ein Stück davon zwischen den Zähnen behielt; aber man nahm ihm rasch die gefährliche Waffe fort. De Coninck gebot den Gesellen, in Ordnung zur Arbeit zurückzukehren, bis ein Befehl sie zu den Waffen rufen werde. Sie hätten lieber schleunige Rache genommen, aber sie wagten keinen Widerspruch, denn ihnen war bekannt, daß De Coninck von dem jungen Gwijde zum Oberbefehlshaber ernannt worden war; so kehrten sie murrend ins Gehölz zurück und setzten ihre Arbeit widerwillig fort.