„Unsere Feinde sind zu mächtig, sagt Ihr; morgen werdet Ihr das nicht mehr sagen. Sie haben sich des Verrats und der Bosheit bedient und sich nicht gescheut, unschuldiges Blut zu vergießen, als ob kein Racheengel mehr am Throne des Herrn wäre. Sie wissen nicht, daß ihrer aller Leben in meiner Hand steht, und daß ich sie zermalmen kann, als wenn mir Allmacht von Gott verliehen wäre. Sie suchen ihren Vorteil in Treubruch und schändlicher Niedertracht. Wohlan, ihr eigenes Schwert soll sie vernichten; das sage ich Euch!“
De Coninck erschien in diesem Augenblick wie ein Prophet, der dem lasterhaften Jerusalem den Fluch des Herrn kündet; es war etwas so Furchtbares im Tone seiner Stimme, daß Breydel voll ehrfürchtiger Andacht seinen Worten lauschte.
„Wartet ein wenig,“ fuhr De Coninck fort, „ich werde einen der Neuankömmlinge holen, damit wir erfahren, wie dieses alles sich zugetragen hat. Laßt Euch durch seine Erzählung nicht hinreißen; ich gelobe Euch eine Rache, wie Ihr sie selbst nicht vollkommener wünschen könntet. Denn nun ist es doch so weit gekommen, daß Geduld eine Schmach wäre.“
Kurz nachdem er das Zelt verlassen hatte, kam er mit einem Zunftgesellen zurück und ließ ihn die Vorfälle, die sich an diesem Tage in Brügge ereignet hatten, mit allen Einzelheiten erzählen. Sie erfuhren von ihm, wie groß Châtillons neues Heer war, den Tod der gehängten Bürger und die schreckliche Plünderung der Stadt. Breydel hörte die Erzählung kaltblütig mit an; denn alle diese Schandtaten waren ihm nicht so schmerzlich wie die Ermordung derjenigen, der er das Leben verdankte. De Coninck dagegen wurde immer zorniger, je mehr er dies schreckliche Schauspiel vor seinem Geist sich entrollen sah. Vaterland und Befreiung waren die beiden Gefühle, welche ihn zu solcher Leidenschaft entflammten. Nun sah er wohl, daß es Zeit war, daß man unverzüglich losschlagen mußte; denn solch grausame Rechtspflege konnte die Vlaemen erschrecken und entmutigen. Er entließ den Gesellen und stützte schweigend den Kopf in die Hand, während Breydel ungeduldig erwartete, was er sagen würde.
Plötzlich schritt De Coninck auf Breydel zu und rief:
„Freund, schleift Euer Beil, verscheucht die Trauer aus Eurem Herzen, wir werden die Ketten des Vaterlands zersprengen.“
„Was wollt Ihr damit sagen?“ fragte Breydel.
„Hört: Der Landmann wartet, bis daß die Morgenkühle alle Raupen in ein Nest getrieben hat; dann schneidet er es vom Baume, legt es hin und zertritt das Ungeziefer auf einmal. Versteht Ihr das?“
„Vollendet Eure Verkündigung,“ rief Breydel; „treuester Freund, ein Lichtstrahl verscheucht meine düstere Verzweiflung! Vollendet, sprecht aus!“