„Also: auch die Franzosen haben sich in unserer Vaterstadt wie Ungeziefer eingenistet. Sie sollen gleichfalls zermalmt werden, als fiele ein Berg über sie. Freuet Euch, Meister Jan, sie sind verurteilt. Der Tod Eurer Mutter soll mit Wucher gerächt werden, und das Vaterland wird aus diesem Blute frei emportauchen!“

Breydels Auge schweifte ungestüm im Zelte umher. Er suchte sein Beil, bis ihm einfiel, daß man es ihm abgenommen hatte. Gerührt ergriff er De Conincks Hand.

„Mein Freund!“ rief er, „Ihr habt mich vielmals gerettet, aber alsdann gabt Ihr mir nur das Leben; jetzt erhalte ich durch Euch Freude und Glück zurück. Sagt mir nur schnell, wie wir diese Rache ins Werk setzen sollen, damit ich meiner Sache sicher bin.“

„Einen Augenblick Geduld, Ihr sollt es gleich hören; ich muß diesen Plan vor allen Obmännern darlegen; ich werde sie gleich rufen lassen.“

Er ging hastig aus dem Zelt, rief eine Schildwache und sandte sie nach dem Gehölz, um alle Anführer zu sich zu entbieten. Bald darauf standen sie, ihrer dreißig, in einem Kreise vor dem Zelte. De Coninck sagte zu ihnen:

„Genossen! Die feierliche Stunde ist gekommen. Die Freiheit müssen wir erringen oder den Tod. Lange genug trugen wir das Mal der Schande auf der Stirn. Es ist Zeit, daß wir unseren Feinden Rechenschaft über das Blut unserer Brüder abfordern; und wenn wir für das Vaterland sterben müssen, so denkt daran, Genossen, daß die Ketten der Sklaverei am Rande des Grabes abfallen, und daß wir frei und sonder Schmach bei unseren Vätern schlafen werden. Aber nein, wir werden siegen, das weiß ich. Der schwarze Löwe von Flandern kann nicht untergehen; und sehet, ob wir das Recht nicht auf unserer Seite haben? Die Franzosen haben unser Land geplündert, unseren Grafen und die Edeln, die Blüte der echten Vlaemen eingekerkert. Philippa haben sie vergiftet, unsere Stadt Brügge verwüstet und die redlichsten unserer Brüder an den Galgen gehängt. Die blutigen Leichen der Mutter und der Schwester unseres unglücklichen Freundes Breydel ruhen in unserer Mitte. Diese Leichen und alle, die durch die Hand der fremden Tyrannen gestorben sind, schreien in eurem Herzen nach Rache! Wohl, so bergt in eurem Herzen wie in einem Grabe, was ich euch sagen werde. Die Franzosen sind heute durch ihr teuflisches Treiben ermattet, sie werden fest schlafen; aber dieser Schlaf soll für die meisten bis zum jüngsten Gericht dauern! Sagt euren Gesellen nichts; aber führt sie morgen zwei Stunden vor Sonnenaufgang bis hinter Saint-Kruis in den Elsterbusch[29]. Ich gehe stehenden Fußes nach Aardenburg, um meine Mannen vorzubereiten und den Hauptmann Linden zu benachrichtigen; denn ich muß noch heute in Brügge sein. Das wundert euch: doch ihr werdet mir zugeben: ein Franzose ist in Brügge, den wir nicht töten dürfen, sein Blut würde über unsere Häupter kommen.“

„Herr von Montenay?“ antworteten viele Stimmen.

„Dieser Ritter,“ fuhr De Coninck fort, „hat uns stets gütig behandelt; er hat gezeigt, daß ihm das Unglück unseres Vaterlandes nahe geht. Er hat sich gar manches Mal den grausamen Verfolgungen des verfluchten Jan van Gistel widersetzt und Gnade für die Verurteilten erhalten. Mit diesem edeln Blute dürfen wir unsere Waffen nicht färben; um dies zu verhüten, gehe ich heute nach Brügge, mag auch noch so große Gefahr damit verbunden sein.“

„Aber,“ fiel ihm einer der Obmänner in die Rede, „wie sollen wir morgen in die Stadt kommen, da die Tore doch bis Sonnenaufgang verschlossen sind?“

„Die Tore werden uns geöffnet werden,“ antwortete De Coninck, „ich werde nicht aus der Stadt zurückkehren, bevor unsere Rache unfehlbar sicher ist. Ich habe euch genug gesagt, morgen auf dem Versammlungsplatz werde ich euch nähere Befehle geben; haltet eure Leute bereit. Ich nehme unsere junge Gräfin von hier mit fort; sie soll dieses blutige Schauspiel nicht sehen.“