Breydel hatte während dieser Worte nicht die geringsten Zeichen der Zustimmung gegeben, aber sein Gesicht erstrahlte in ungemeiner Freude. Sobald die Obmänner fort waren, warf er sich an De Conincks Brust und sprach, während Tränen über seine Wangen rollten:
„Ihr habt mich aus meiner Verzweiflung gerissen, teurer Freund! Nun kann ich ruhig über den Leichen meiner Mutter und Schwester weinen und sie mit Andacht zur Erde bestatten. – Und dann, wenn sich das Grab über ihnen geschlossen hat …! O, was bleibt mir dann noch in der Welt, das ich lieben könnte?“
„Euer Vaterland und sein Aufblühen!“ bekam er zur Antwort.
„Ja ja, Vaterland, Freiheit – und Rache! Denn jetzt, hört Ihr, mein Freund, jetzt würde ich vor Grimm weinen, wenn die Franzosen unser Land verließen. Dann würde ja mein Beil keine Opfer mehr finden, ich würde ihre Leichen nicht mehr zertreten können, wie die Hufe ihrer Rosse unsere Brüder zerstampft haben. Die Freiheit ohne Kampf ginge mir wider die Seele; jetzt, wo sie das Herz, unter dem ich das Leben empfing, durchbohrt haben, kann mich nur der Anblick strömenden Blutes zufriedenstellen. Macht rasch und geht mit Gott, damit sich alles zum Guten wende; denn ich dürste nach der versprochenen Rache.“
De Coninck nahm von Breydel Abschied: „Haltet alles geheim und seid vorsichtig, mein Freund.“
Ehe er das Lager verließ, bereitete er alles zur Abreise der edeln Machteld vor; nachdem er noch kurz mit ihr gesprochen hatte, bestieg er einen Traber und verschwand in der Richtung nach Aardenburg.
Unterdes waren die Leichen der Mutter und Schwester Breydels von den Frauen gewaschen und umgekleidet worden. Sie hatten erst ein Zelt inwendig schwarz ausgeschlagen und in der Mitte die beiden Leichen auf ein Feldbett niedergelegt. Sie lagen in düsterem Totenkleid, nur das Antlitz konnte man sehen. Rund um die feierliche Lagerstätte brannten acht gelbe Wachskerzen; ein Kreuz mit einem silbernen Weihwasserkessel und einigen Palmzweigen stand am Kopfende, während weinende Frauen dabei saßen und beteten.
Unmittelbar nach De Conincks Abreise ging Breydel nach dem Gehölz und befahl, die Arbeit aufzugeben; er sandte die Zunftleute nach den Zelten zur Ruhe und kündigte ihnen an, daß sie am anderen Morgen vor Tagesanbruch aufbrechen müßten. Nachdem er noch einige Maßregeln getroffen, um die Frauen und Kinder im Lager unterzubringen, begab er sich nach dem Zelt, in dem die Leiche seiner Mutter lag. Dort schickte er die Frauen weg und schloß die Tür ab.
Vergeblich kamen mehrere Anführer zu dem Zelt, um den Obmann zu sprechen, Anweisungen oder Befehle zu holen; sie bekamen auf ihr Klopfen keine Antwort. Anfangs glaubten sie ihren Meister in Trauer versunken; aber als sie vier Stunden vor der Tür gewartet hatten, ohne das geringste Geräusch zu vernehmen, wurden sie von Furcht gepackt. Sie wagten nicht, ihre Gedanken zu äußern. War Breydel tot? Hatte das Beil oder der Schmerz seinen Lebensfaden zerschnitten?