Plötzlich öffnete sich die Tür, und Breydel erschien, anscheinend ohne ihre Gegenwart zu bemerken. Niemand sprach, denn seine Züge ließen das Herz erstarren, die Sprache stocken. Er war bleich, seine Blicke irrten wild umher, und viele bemerkten, daß zwei Finger seiner rechten Hand mit Blut befleckt waren. Keiner wagte, ihm zu nahen; der Tod strahlte aus seinen Augen, und wen er ansah, dem drang jeder Blick wie ein Pfeil in die Seele. Das Blut an seinen Fingern machte sie noch mehr zittern; eine schreckliche Ahnung ließ sie erraten, woher es stammte. Gewiß hatte er in die Wunde seiner Mutter gegriffen und aus dieser furchtbaren Berührung diese Raserei geschöpft, die seine Kraft mehren, seinen Rachedurst erhöhen mußte! So wandelte er sprachlos durch das Gehölz, bis der Abend das Lager mit Finsternis bedeckte und ihn den Augen seiner Genossen entzog.
Als De Coninck nach Aardenburg gekommen war, unterstellte er seine zweitausend Weber dem Befehl eines der ersten Anführer und sandte einen Boten mit Befehlen an den Hauptmann Lindens. Nachdem er die Vereinigung der drei Heeresabteilungen zu Saint-Kruis vorbereitet hatte, schwang er sich wieder aufs Pferd und ritt stracks nach Brügge. Dort ließ er seinen Traber in einer Herberge stehen und ging zu Fuß in die Stadt. Nichts trat ihm in den Weg; denn es war bereits spät am Abend, die Tore waren offen und keine Soldaten als die Schildwachen auf dem Wall zu sehen. Furchtbare Stille herrschte in den Straßen, durch die er gehen mußte. Alsbald machte er vor einem kleinen Hause an der Donatuskirche halt. Er wollte anklopfen, aber er ward inne, daß die Wohnung keine Tür mehr hatte und der Eingang mit einem langen Tuchstreifen verhängt war. Dies Haus und seine Räume mochten ihm wohlbekannt sein; denn er hob das Tuch und schritt rasch in den Laden geradeswegs zu einem kleinen Hinterstübchen, das durch das unbestimmte Licht einer Lampe erleuchtet war. Zwischen dem zertrümmerten Hausrat, der am Boden umherlag, saß eine Frau weinend an einem Tische. Sie hielt zwei kleine Kinder fest an ihre Brust gedrückt und küßte sie unter Schluchzen, als wäre sie glücklich, wenigstens diesen Reichtum behalten zu haben. Weiter hinten in einem Winkel, der von der Lampe nur halb erleuchtet wurde, saß ein Mann: er hatte das Haupt in die Hände gestützt und schien zu schlafen.
Beim unerwarteten Erscheinen De Conincks erschrak die Frau heftig. Sie drückte ihre Kinder fester an sich, und ein lauter Schrei kündete ihre Angst. Der Mann griff hastig nach seinem Dolch; als er aber seinen Obmann erkannte, stand er auf und sprach:
„O Meister, welch schmerzliche Last habt Ihr mir auferlegt, da Ihr mir gebotet, in der Stadt zu bleiben; die Gnade Gottes allein hat uns von dem unvermeidlichen Tode gerettet. Unsere Häuser sind geplündert, unsere Brüder gehängt und ermordet, und Gott weiß, was morgen noch geschehen wird. O gestattet mir, zu Euch nach Aardenburg zu gehen: ich bitte Euch flehentlich.“
De Coninck antwortete nicht auf diese Bitte; er winkte den Zunftgesellen in einen Winkel, der am dunkelsten war, und sagte dann mit leiser Stimme:
„Gerhard, als ich die Stadt verließ, habe ich Euch mit dreißig anderen Gesellen zurückgelassen, um die Anschläge der Franzosen zu entdecken. Ich wählte gerade Euch hierzu, weil ich Euren Mut und Eure Vaterlandsliebe kenne. Der Tod Eurer Genossen hat Euch wohl Angst gemacht: ist dem so, dann möget Ihr noch heute nach Aardenburg abreisen.“
„Meister,“ antwortete Gerhard, „Eure Worte machen mich bekümmert. Ich fürchte den Tod durchaus nicht; aber mein Weib und meine armen Kinder bleiben hier allem Unheil ausgesetzt. Furcht und Schrecken machen sie krank. Sie weinen und beten den ganzen Tag, und die Nacht gibt ihnen die Kräfte nicht wieder. Könntet Ihr sie sehen, wie bleich sie sind! Sollte mich der Anblick all dieser Leiden, all dieser Angst unberührt lassen? Ich bin doch ihr Vater und Beschützer. Und heischen sie nicht von mir allein den Trost, den ich ihnen doch nicht geben kann? O Meister, glaubt mir, ein Vater leidet mehr, als seine Frau und Kinder leiden können. Und doch bin ich bereit, für das Vaterland alles zu vergessen, selbst die Meinen: wenn ich Euch mit irgend etwas dienlich sein kann, dürft Ihr auf mich rechnen. Sprecht also, ich spüre, daß Ihr mir eine wichtige Anordnung zu geben habt.“
De Coninck ergriff des braven Gerhard Hand und drückte sie gerührt. „Noch eine Seele wie die Breydels,“ dachte er.
„Gerhard,“ rief er aus, „Ihr seid ein würdiger Gesell; ich danke Euch für Eure Treue und Euren Mut. Hört also, denn ich habe wenig Zeit. Ihr müßt rasch zu Euren Genossen gehen und sie benachrichtigen. Heut Nacht sollt Ihr heimlich mit ihnen in die Pfeffergasse schleichen. Ihr allein werdet dann auf den Wall zwischen dem Damm- und dem Kruistor steigen. Legt Euch platt auf die Erde und schauet nach der Gegend von Saint-Kruis aus. Seht Ihr ein Feuer im Felde leuchten, so werft Euch mit Euren Genossen auf die Wache und öffnet das Tor; es sollen siebentausend Vlaemen davorstehen.“
„Das Tor wird zur bestimmten Zeit offen sein, seid deshalb, bitte, ohne Sorge,“ antwortete Gerhard kaltblütig.