„Meister,“ meinte einer der Anführer, „wir werden doch aber die Franzosen nicht von unseren Mitbürgern unterscheiden können, denn meist werden wir sie zu Bett und entkleidet antreffen.“
„Da gibt es ein leichtes Mittel, jeden Mißgriff zu vermeiden. Hört, was ihr zu tun habt. Könnt ihr auf den ersten Blick nicht sehen, ob ihr auf einen Franzosen oder Vlaemen trefft, dann heißt ihm: Schild en vriend! zu sagen. Wer diese Worte nicht aussprechen kann, hat eine französische Zunge, und den macht nieder.“
Eben schlug es drei Uhr auf dem Turme zu Saint-Kruis.
„Noch etwas!“ sagte De Coninck hastig. „Ich habe das Haus des Herrn von Montenay unter meinen Schutz gestellt; es darf also von euch weder zerstört noch angegriffen werden; niemand soll einen Fuß über die Schwelle dieses edelen Feindes setzen. Nun rasch zu euren Leuten! Teilt ihnen meine Befehle mit und tut, wie befohlen. Macht rasch! Und bitte, kein Geräusch!“
Die Anführer begaben sich zu ihren Abteilungen und führten sie nacheinander zum Wegesrand. De Coninck stellte eine große Schar Weber längst des Weges bis auf Bogenschußweite von der Stadt auf. Er allein schlich dem Wall noch näher und suchte die Finsternis zu durchdringen. Das brennende Ende einer Lunte, das er in seiner Hand verborgen hielt, schimmerte rotglühend durch seine Finger. Er sah einen Kopf sich über die Stadtmauer erheben: es war der Weber, den er am Abend zuvor besucht hatte. Nun nahm er flink ein Bündel Flachs, das er unter dem Wams verborgen hatte, legte es auf den Boden und blies die Lunte stark an. Alsbald lohte eine lichte Flamme vom Felde auf, und das Haupt des Webers verschwand hinter der Stadtmauer. Das Zeichen war noch keine vier Minuten gegeben worden, als die Schildwache, die oben auf dem Wall stand, mit einem Schmerzensschrei zu Boden stürzte und über die Mauer geworfen wurde. Dann hörte man hinter dem Tore Waffen rasseln und das Stöhnen von Sterbenden; und gleich darauf folgte Totenstille.
Mit der größten Vorsicht zogen alle Zünfte in Brügge ein. Jeder Anführer begab sich mit seinen Leuten nach dem Stadtviertel, das ihm De Coninck angewiesen hatte. Eine Viertelstunde später waren die Wachen an allen Toren erschlagen, und jede Zunft befand sich auf ihrem Platz. Vor jedem Hause, da Franzosen untergebracht waren, standen acht Klauwaerts bereit, sich mit Hammer und Beil den Eingang zu schaffen. Keine einzige Straße war unbesetzt, die ganze Stadt war in den Händen der Klauwaerts, die nur des Zeichens zum Angriff harrten. De Coninck stand mitten auf dem Freitagsmarkt; nach kurzem Bedenken sprach er laut den Fluch über die Franzosen:
„Vlaenderen den Leeuw! Wat walsch is, valsch is! Slaed al dood!“[30]
Dieser Ruf, das Todesurteil für die Fremden, wurde von fünftausend Kehlen wiederholt. Man kann sich leicht das furchtbare Geheul, die schauerliche Verwirrung, das entsetzliche Mordgeschrei vorstellen. Im gleichen Augenblick wurden alle Türen eingestoßen und zertrümmert. Die Klauwaerts stürmten voll Rachedurst zu den Schlafkammern der Franzosen und ermordeten alles, was die Worte ‚Schild en vriend‘ nicht aussprechen konnte. Weil in einigen Häusern mehr Franzosen untergebracht waren, als man in so kurzer Zeit erschlagen konnte, hatten viele Zeit, sich anzukleiden und zu den Waffen zu greifen. Das geschah zumal in dem Stadtviertel, wo Châtillon mit seinen zahlreichen Wachen wohnte. Ungeachtet der Wut Breydels und seiner Leute hatten sich ungefähr sechshundert Franzosen solcherart zusammengerottet. Viele waren, wenngleich verwundet, dem Gemetzel entkommen und begaben sich aus den anderen Straßen zur Snaggaartsbrücke. So stieg die Zahl der Flüchtigen schließlich auf ungefähr tausend Mann, die ihr Leben so teuer als möglich verkaufen wollten. In dichten Scharen standen sie vor den Häusern und verteidigten sich verzweifelt gegen die Fleischer. Viele hatten Armbrüste und schossen gar manchen Klauwaert nieder. Aber das steigerte nur die Raserei der anderen, die ihre Genossen fallen sahen. Man hörte Châtillons Stimme, der die Seinen zum Widerstand anfeuerte, und ward auch Herrn von Montenays ansichtig, dessen Riesenschwert in der Finsternis wie ein Blitzstrahl leuchtete.
Breydel raste wie ein Wahnsinniger und hieb rechts und links auf die Franzosen ein. Er stand schon einige Fuß über der Erde, soviel Feinde hatte er vor sich niedergeworfen. Ströme von Blut flossen unter den Leichen, und der Ruf: „Flandern der Löwe! Schlagt alles tot!“ mischte sich schauerlich mit dem Ächzen der Sterbenden.