Unter den Franzosen befand sich auch Herr van Gistel. Da er wußte, daß sein Tod unvermeidlich war, wenn die Vlaemen den Sieg behielten, so rief er beständig: „Hoch Frankreich! Hoch Frankreich!“ Er hoffte die Söldner dadurch anzufeuern. Aber Jan Breydel erkannte seine Stimme.
„Leute!“ rief er in voller Wut, „ich muß die Seele dieses Abtrünnigen haben! Vorwärts! Das hat lange genug gedauert, wer mich liebt, der folge mir nach!“
Mit diesen Worten warf er sich mit seinem Beil mitten unter die Franzosen und hieb alles um sich her sofort nieder. Als seine Genossen das sahen, stürzten sie sich mit solcher Wut auf den Feind, daß sie ihn gegen eine Mauer drängten und an fünfhundert Leute töteten. In diesem entscheidenden Augenblick, in dieser furchtbaren Todesstunde, gedachte Montenay der Worte und des Gelübdes De Conincks; er hoffte, den Landvogt noch retten zu können, und rief:
„Ich bin Montenay, man gebe mir den Weg frei!“
Die Klauwaerts ließen ihn ehrerbietig durch und hemmten ihn nicht.
„Hierher, hierher! Folgt mir, Genossen!“ rief er dem verbliebenen Häuflein Franzosen zu; denn er glaubte, sie so zu retten. Aber die Vlaemen hieben so schrecklich auf sie ein, die Zahl der Flüchtenden schmolz so zusammen, daß mit Châtillon nicht mehr als dreißig Leute in das Haus des Herrn von Mortenay gelangen konnten; die übrigen lagen alle in ihrem Blut am Boden. Breydel stellte seine Leute vor der Tür des Stadtvogts auf und verbot ihnen, das Haus zu betreten. Er kreiste die Wohnung ein, damit niemand entfliehen sollte, und hielt selbst vor dem Eingang Wache.
Während dieses Gefechts war De Coninck in der Steinstraße bei der St. Salvatorskirche noch damit beschäftigt, die letzten Franzosen aufzuspüren. Das gleiche taten auch die anderen Zünfte in den ihnen angewiesenen Straßenvierteln. Man warf die Leichen der Getöteten aus den Häusern, bis die Straßen ganz damit bedeckt waren und man in der Finsternis nur mit Mühe mehr hindurchdringen konnte. Viele Söldner der Besatzung hatten sich verkleidet und glaubten so, durch das eine oder andere Tor entfliehen zu können. Aber das glückte ihnen nicht, da man ihnen befahl, die Worte ‚Schild en vriend‘ auszusprechen. Kaum hörte man nur den Klang ihrer Stimme, da saß ihnen schon das Beil im Nacken, und stöhnend stürzten sie zur Erde. Aus allen Vierteln der Stadt ertönte der Ruf: „Vlaenderen den Leeuw! Wat walsch is, valsch is – slaed al dood!“ Hie und da floh noch ein Franzose vor einem Klauwaert; aber er fiel bald einem anderen in die Hände und starb wenige Schritte weiter.
Dies Gemetzel dauerte, bis sich die Sonne bereits über den Horizont erhoben. Fünftausend Fremde wurden in dieser Nacht den Geistern der ermordeten Vlaemen geopfert. Das ist ein blutiges Blatt in den Chroniken Flanderns; die schreckliche Zahl steht genau darin aufgezeichnet.
Vor der Wohnung des Herrn von Montenay gab es ein seltsam schreckliches Schauspiel. Tausend Fleischer lagerten auf dem Boden, die Beile in der Hand, die Augen drohend und voll Rachsucht auf die Tür gerichtet. Ihre bloßen Arme, ihre Wämser waren von Blut gerötet, und zwischen ihnen lagen viele Leichen. Aber darauf schienen sie nicht zu achten. Einige Gesellen der anderen Zünfte schritten hie und da über die am Boden liegenden Fleischer und suchten die Leichen der erschlagenen Vlaemen, um sie zu bestatten. Wohl sah man den Fleischern die heftige Wut an, doch kein einziges Schimpfwort kam über ihre Lippen. Montenays Wohnung war ihnen dem gegebenen Wort gemäß heilig. Sie wollten De Conincks Gelübde nicht brechen; auch hatten sie zu viel Achtung vor dem Stadtvogt, und sie gaben sich deshalb damit zufrieden, das Quartier zu besetzen und zu bewachen.