„Was sagt Ihr, Freund? Eure Liebe gibt Euch diese Worte ein, umschmeichelt mich doch nicht mit einem unmöglichen Glück.“

„Seid doch nicht so ungläubig, Machteld. Hört, worauf diese frohe Hoffnung gegründet ist: Ihr wißt, daß sich Karl von Valois, der edelste Franzose, der wackerste Ritter, nach Italien zurückgezogen hat. Auch am römischen Hofe hat er nicht vergessen, daß er die schuldlose Ursache für die Gefangennahme Eurer Verwandten war. Der Gedanke peinigt ihn, wie ein Verräter seinen Freund und Waffengefährten, den Löwen von Flandern, den Händen seiner Feinde selbst überliefert zu haben. So bemüht er sich denn, auf jede nur mögliche Weise seine Befreiung zu bewirken. Schon sind die Gesandten des Papstes Bonifacius vor König Philipp dem Schönen erschienen und haben von ihm dringend die Freilassung Eures Vaters und all Eurer Verwandten gefordert. Der Heilige Vater spart keine Mühe, um Flandern seine gesetzmäßigen Fürsten zurückzugeben. Der französische Hof ist zum Frieden geneigt. Wir wollen uns an diese tröstende Hoffnung klammern, treue Freundin.“

„Gewiß, Adolf, wir wollen so trostvolle Gedanken nähren! Aber wir schmeicheln uns nur mit trügender Hoffnung. Wird der König von Frankreich den Untergang seiner Söldner nicht rächen? Wird Châtillon, unser erbitterter Feind, seine grausame Nichte Johanna nicht aufstacheln? Bedenkt doch, Adolf, was für Folterqualen diese blutdürstige Frau ersinnen kann, um sich an uns für die Tapferkeit der Vlaemen zu rächen.“

„Quält Euch doch nicht selbst, meine liebe Machteld. Eure Furcht ist ja unbegründet. Vielleicht wird auch Philipp der Schöne durch die schreckliche Vernichtung seiner Söldner inne werden, daß die Vlaemen sich niemals der Franzosenherrschaft fügen. Sein eigner Vorteil wird ihn zwingen, unsere Landesherren in Freiheit zu setzen, sonst verliert er das schönste Lehen seiner Krone. Ihr seht, edle Jungfrau, daß alles sich günstig gestaltet.“

„Ja, ja, Adolf, in Eurer Gegenwart weicht all mein Kummer. Ihr sprecht so tröstlich, daß mein Herz gar freudig davon erklingt.“

Solcherart sprachen sie noch lange über ihre Befürchtungen und Hoffnungen, und als Adolf Machteld alles dargelegt und ihr Herz mit Trost gelabt hatte, richtete er in brüderlicher Liebe auch das Wort an seine Schwester. So entspann sich ein ruhiges Geplauder, das sie recht froh und heiter stimmte. Machteld vergaß alles erlittene Weh; sie atmete freier, kräftiger, und ihre Wangen färbten sich mit einer leichten Röte.

Plötzlich ließ sich brausender Lärm in den Straßen vernehmen. Tausende von Stimmen erklangen, und laute Freudenrufe der Menge schollen durcheinander. Nur in den Pausen ließen sich einzelne Rufe verstehen. „Vlaenderen den Leeuw! Heil, Heil unserem Grafen!“ schrie das begeisterte Volk mit frohem Händeklatschen. Adolf war mit den Frauen zum Fenster getreten. Sie sahen die wogende Menge, Kopf an Kopf, nach dem Markt eilen. Auch Frauen und Kinder befanden sich in dem Menschenstrom. In einer anderen Straße vernahmen sie den Hufschlag zahlreicher Rosse. Aus allem konnten sie schließen, daß ein Reiterheer in Brügge seinen Einzug hielt. Während sie die mögliche Ursache dieser Volksbewegung besprachen, teilte ein Diener mit, daß ein Bote um die Erlaubnis bäte, vor ihnen erscheinen zu dürfen. Sobald sie erteilt war, trat der Bote in das Zimmer. Es war ein junger Edelknabe, ein liebliches Kind, dessen Züge Unschuld und Treue kündeten. Seine Kleidung war aus schwarzer und blauer Seide und gar zierlich geschmückt. Er nahte bis auf wenig Schritt den Frauen, entblößte ehrerbietig das Haupt und verbeugte sich tief, ohne aber zu sprechen.

„Welch gute Nachricht bringst Du uns, mein lieber Knabe?“ fragte Machteld freundlich.

Jetzt hob der Edelknabe das Haupt und antwortete mit zarter Kinderstimme: