„An die durchlauchtigste Tochter des Löwen, unseres Grafen! Ich bringe eine Botschaft von meinem Herrn und Meister Gwijde, der in diesem Augenblick mit fünfhundert Reitern in die Stadt eingerückt ist. Er läßt seine schöne Nichte Machteld van Bethune grüßen und wird ihr in nur wenigen Stunden seine innige Zuneigung selbst bezeigen. Dies meine Botschaft, die Euch hiermit kund getan sei, edle Jungfrau.“

Dann trat er gesenkten Hauptes zur Tür zurück und entfernte sich. Gemäß dem Versprechen, das der junge Gwijde von Flandern im Gehölz bei den Ruinen von Nieuwenhove De Coninck gegeben hatte, war er mit der vereinbarten Hilfe von Namur eingetroffen. Unterwegs hatte er das Schloß Wijnendaal erstürmt und die französische Besatzung niedergemacht. Ebenso hatte er die Burg Sijsseele bis auf den Grund zerstört, weil ihr Kastellan ein geschworener Leliaert war und den Franzosen in seinen Mauern Zuflucht gewährt hatte. Der siegreiche Einzug Gwijdes riß die Bürger zu höchster Freude hin. In allen Straßen jauchzte und jubelte die Menge:

„Heil unserem Grafen! Vlaenderen den Leeuw!“

Sobald der junge Feldherr mit seinen Reitern auf dem Freitagsmarkt anlangte, überreichten ihm die Altmeister die Schlüssel, und so wurde ihm, als zeitlichem Grafen von Flandern, bis zur Befreiung Robrechts van Bethune, seines Bruders, gehuldigt. Nun schien den Brüggern ihre Freiheit vollkommen; denn jetzt hatten sie einen Fürsten, der sie in den Krieg führen konnte. Die Reiter wurden bei den vornehmsten Bürgern untergebracht. Ja, der Eifer und die Dienstfertigkeit war so groß, daß man sich förmlich schlug, um den Zaum eines Pferdes zu erhaschen; jeder wollte einen der Leute des Grafen bei sich haben. Man kann sich vorstellen, wie gastfrei und freundlich diese Hilfstruppen empfangen wurden.

Als Gwijde die durch De Coninck eingerichtete Regierung bestätigt hatte, ging er unverzüglich zu dem Nieuwlandschen Hause, umarmte seine kranke Nichte immer und immer wieder und erzählte ihr, wie er die Franzosen aus dem geliebten Wijnendaal vertrieben habe. Ein köstliches Mahl harrte ihrer, das Maria anläßlich der glücklichen Rückkunft ihres Bruders hatte bereiten lassen. Sie tranken den Freudentrunk auf die Befreiung der gefangenen Vlaemen und weihten auch dem schmerzlichen Andenken der vergifteten Philippa eine Träne.

[XIX.]

Nach der schrecklichen Nacht, in der solche Ströme Franzosenblutes vergossen worden waren, kamen Châtillon, Jan van Gistel und die wenigen anderen, die dem Tod entronnen waren, nach Kortrijk. Das war noch stark besetzt, so daß die Truppen in dem festen Kastell ohne Gefahr bleiben konnten. Die Franzosen setzten auf diesen Ort ob seiner unüberwindlichen Festungswerke das meiste Vertrauen. Châtillon war ganz verzweifelt über seine Niederlage und glühte vor Rachedurst. Er zog noch einige Söldnerabteilungen aus anderen Städten heran, um Kortrijk gegen jeden Angriff zu sichern, und übergab den Oberbefehl der Stadt dem Kastellan van Lens, einem verräterischen Vlaemen. In aller Eile besuchte er noch die übrigen Grenzstädte und besetzte sie mit dem Rest der Truppen aus der Picardie; zum Befehlshaber von Rijssel machte er den Kanzler Pierre Flotte; dann reiste er nach Paris an den Hof des Königs, der die Niederlage seiner Truppen bereits erfahren hatte. Philipp der Schöne empfing den Landvogt von Flandern mit dem höchsten Unwillen und machte ihm Vorwürfe, daß seine Gewaltherrschaft all dies Unglück verschuldet hatte. Vielleicht wäre Châtillon für immer in Ungnade gefallen. Aber die Königin Johanna haßte ja die Vlaemen und hatte sich über ihre Bedrückung gefreut: sie wußte ihren Oheim Châtillon so gut zu entschuldigen, daß Philipp der Schöne sich schließlich mehr zum Dank als zum Zorn geneigt fühlte. Alsbald wandte der französische Fürst seinen Unwillen wider die Vlaemen und schwur, an ihnen sattsam Rache zu nehmen.

Schon war ein Heer von zwanzigtausend Mann vor Paris versammelt, um das Königreich Majorka aus den Händen der Ungläubigen zu befreien. Es waren dies die Truppen, deren Einberufung Robrecht van Bethune den vlaemischen Herren angezeigt hatte. Mit diesem Heere hätte man gegen Flandern Krieg führen können, aber Philipp zog es vor, die Rache noch einige Zeit aufzuschieben, um mit noch mehr Truppen zu Felde zu ziehen. Durch außerordentliche Boten erging ein Aufruf durch ganz Frankreich: darin wurde den Bannerherren des Landes kundgetan, daß die Vlaemen siebentausend Franzosen ermordet hätten, und daß der Fürst seine Lehensleute mit ihren Untergebenen so eilig als möglich nach Paris berufe, um diese schmachvolle Niederlage zu rächen. In jenen Zeiten waren Waffenübungen und Krieg die einzige Beschäftigung der Edelleute; – sie freuten sich, wenn sich irgendwo Gelegenheit zum Kämpfen bot; daher ist es also gar nicht verwunderlich, daß sie dem Rufe willig Folge leisteten. Aus allen Teilen des weiten Frankreich kamen die Vasallen mit ihren bewaffneten Leuten herbeigeeilt, und in wenigen Tagen war das französische Heer mehr als fünfzigtausend Mann stark.

Neben dem Löwen von Flandern und Karl von Valois war Robert d'Artois einer der kühnsten Kriegshelden Europas und war jenen beiden sogar durch die Kriegskunde und Erfahrung überlegen, die er auf seinen zahlreichen Streifzügen erworben hatte. Noch niemals hatte er volle acht Tage hintereinander seinen Harnisch abgelegt, und so war er in Waffen ergraut. Sein unerbittlicher Haß war damals gegen die Vlaemen aufgeflammt, als sie seinen einzigen Sohn bei Veurne erschlagen hatten; er bestimmte die Königin Johanna, ihn zum obersten Befehlshaber des Heeres zu ernennen; das begegnete auch gar keiner Schwierigkeit; denn niemandem stand dieses ehrenvolle Amt mehr zu als Robert d'Artois.

Geldmangel und auch der tägliche Zustrom noch weiterer Vasallen aus fernliegenden Herrschaften hielten das Heer einige Zeit in Frankreich zurück. Die übergroße Hast, mit der die Franzosen gewöhnlich bei ihren Feldzügen zu Werke gingen, war ihnen schon gar manches Mal verderblich geworden. Sie hatten durch eigenen Schaden gelernt, daß auch Vorsicht eine Macht ist; deshalb wollten sie sich diesmal auf alle Fälle vorsehen und mit mehr Klugheit zu Werke gehen. –