Die boshafte Königin von Navarra entbot Robert d'Artois zu sich und peitschte ihn zu jeder nur möglichen Grausamkeit in Flandern auf. Unter anderem befahl sie ihm, allen vlaemischen Säuen die Brüste abschneiden, all ihre Ferkel mit dem Schwerte durchbohren und die Hunde von Flandern totschlagen zu lassen: Die ‚Hunde‘ von Flandern, das waren die Tapferen, die mit dem Schwert in der Faust für das Vaterland stritten; mit den ‚Säuen‘ und ‚Ferkeln‘ waren die Frauen und Kinder gemeint! Solch schändliche Worte im Munde einer Königin, eines Weibes, werden als Beweis ihrer Grausamkeit in den Chroniken aufbewahrt.
Während dieser Verzögerung verstärkten sich aber auch die Vlaemen ganz gewaltig. Herr Johann van Borluut hatte die Genter gegen die Besatzung ihrer Stadt aufgewiegelt und vertrieb die Franzosen aus Gent; ihrer siebenhundert blieben in diesem Kampf. Auch Oudenaarde und mehrere andere Gemeinden machten sich frei, so daß solcherart nur noch in den stark befestigten Städten, wohin sich die flüchtigen Franzosen zusammengezogen hatten, Feinde verblieben. Wilhelm von Jülich kam mit einer großen Schar Bogenschützen aus Deutschland nach Brügge. Sobald Herr Johann van Renesse mit vierhundert Seeländern zu ihm gestoßen war, brachen sie beide mit den Truppen und einer Menge Freiwilliger nach Kassel auf, um die französische Besatzung anzugreifen und zu vertreiben. Die Stadt war außerordentlich stark befestigt und konnte nicht leicht genommen werden. Wilhelm von Jülich hatte auf die Mitwirkung der Bürger gerechnet; aber sie wurden zu gut von den Franzosen bewacht, als daß sie sich hätten rühren können. Das zwang ihn, eine regelrechte Belagerung zu beginnen; doch es dauerte recht lange, ehe er sich die nötigen Werkzeuge dazu verschaffen konnte.
Der junge Gwijde war in den bedeutendsten Städten Flanderns mit Jubel empfangen worden. Seine Anwesenheit hatte gar manchem Mut gegeben, ihn zur Verteidigung des Vaterlandes angespornt. Ebenso hatte Adolf van Nieuwland die kleineren Ortschaften besucht, um das Volk zu den Waffen zu rufen.
In Kortrijk lagen fast dreitausend Franzosen unter dem Befehl des Kastellans van Lens. Statt sich durch gute Behandlung bei der Bürgerschaft beliebt zu machen, begingen diese zusammengelaufenen Kriegsknechte alle möglichen Ausschreitungen. Aber das hatten die Kortrijker sehr bald satt. Durch das Beispiel der anderen Städte ermutigt, erhoben sie sich einmütig gegen die Franzosen und erschlugen mehr als die Hälfte; die übrigen flohen in aller Eile auf das Kastell und verschanzten sich gegen den Ansturm des Volkes. Aus Rache schossen sie Brandpfeile auf die Stadt und steckten die schönsten Gebäude in Flammen. Alle Häuser rings um den Markt und der Begijnenhof wurden durch das Feuer von Grund aus vernichtet. Die Kortrijker belagerten das Kastell voll Mut und sonder Zagen; doch es war ihnen nicht möglich, die Franzosen ohne fremde Hilfe zu vertreiben. Angesichts der trüben Aussicht, ihre Stadt bald ganz abbrennen zu sehen, sandten sie einen Boten nach Brügge, um Herrn Gwijde dringend um Beistand zu bitten.
Der Bote kam am 5. Juli 1302 zu Gwijde, legte ihm die beklagenswerte Lage der guten Stadt Kortrijk dar und versprach ihm im Namen der Bürger jede Hilfe und unbedingten Gehorsam. Dem jungen Grafen ging dieser Bericht sehr nahe, und er beschloß, sich unverzüglich nach der unglücklichen Stadt zu begeben. Da Wilhelm von Jülich alle Kriegsknechte nach Kassel geführt hatte, wußte Gwijde kein anderes Mittel, als die Zünfte von Brügge anzurufen. Er ließ sofort alle Obmänner in den oberen Saal des Prinzenhofs entbieten und ging selbst mit den Rittern, die sich bereits zu ihm begeben hatten, dorthin. Eine Stunde später waren die Einberufenen, dreißig an der Zahl, in dem bestimmten Gemach versammelt; mit entblößtem Haupt standen sie am Ende des Saales und erwarteten schweigend, was man ihnen mitteilen würde. De Coninck und Breydel, als die Häupter der beiden angesehensten Zünfte, standen vornan. Herr Gwijde saß in einem reichen Lehnstuhl am oberen Ende des Saales; ringsumher standen die Herren Jan van Lichtervelde und van Heyne, beide Beers von Flandern[31], der Herr van Gavere, dessen Vater durch die Franzosen vor Veurne ermordet worden war; der Tempelritter Herr van Bornhem, Herr Robrecht van Leeuwerghem, Balduin van Ravenschoot, Ivo van Belleghem, Hendrik, Herr van Lonchyn, ein Luxemburger, Goswijn, van Goetsenhove und Johann van Cuyck aus Brabant, Peter und Ludwig van Lichtervelde; Peter und Ludwig Goethals van Gent und Heinrich van Petershem. Adolf van Nieuwland stand rechts vom jungen Grafen und sprach mit ihm.
In der Mitte des Raumes, zwischen den Vorstehern und Rittern, stand der Bote von Kortrijk. Sobald jeglicher seinen gehörigen Platz eingenommen hatte, hieß Gwijde dem Boten, seine Mitteilung vor den Obmännern zu wiederholen. Er gehorchte diesem Befehl und sprach:
„Meine Herren, die Bürger von Kortrijk lassen euch durch mich wissen, daß sie die Franzosen aus ihrer Stadt vertrieben und ihrer fünfzehnhundert erschlagen haben; aber jetzt leidet die Stadt die größte Not. Der Verräter van Lens hat sich in das Kastell geworfen; er läßt täglich mit brennenden Pfeilen auf die Häuser schießen, und schon ist der reichste Teil der Stadt in Asche gelegt. Herr Arnold van Oudenaarde ist den Kortrijkern zu Hilfe gekommen, ihre Feinde sind jedoch zu zahlreich. In dieser schlimmen Lage bitten sie den Herrn Gwijde insonderheit und ihre Freunde in Brügge insgesamt um Hilfe und hoffen, daß sie keinen Tag zögern werden, ihre bedrängten Brüder zu befreien. Das ist es, was die Bürger von Kortrijk euch künden lassen.“
„Ihr habt es gehört, Obmänner,“ sprach Gwijde, „eine unserer besten Städte ist in Gefahr, ganz vernichtet zu werden; ich glaube nicht, daß der Hilferuf eurer Brüder von Kortrijk vergeblich sein wird. Aber die Sache heischt Eile, allein eure Mitwirkung kann sie aus ihrer Bedrängnis retten; deshalb ersuche ich euch, schnellstmöglich eure Zünfte zu den Waffen zu rufen. Wieviel Zeit braucht ihr, um eure Leute für diesen Zug zu rüsten?“
De Coninck antwortete: