Damals konnten außer den Geistlichen nur wenige lesen, selbst fast alle Edelleute lebten noch in größter Unwissenheit.

„Was ist das, Ihr Schelm?“ rief Breydel.

„Es ist ein Brief des Herrn van Lonchijn …“ stammelte der angebliche Sänger abgebrochen.

„Warte,“ fuhr Breydel fort, „das werde ich bald sehen.“

Er nahm seinen Dolch und schnitt den um das Siegel gewundenen Flachs ab. Kaum ward er der Lilien des Wappens von Frankreich ansichtig, da sprang er voll Wut auf, packte den Unbekannten beim Bart, schleifte ihn daran hin und her und rief dabei:

„Ist das ein Brief des Herrn van Lonchijn, Ihr Verräter? Nein, es ist ein Brief des Kastellans van Lens, und Ihr seid ein Spion. Ihr sollt eines bitteren Todes sterben, Ihr Bösewicht!“

Bei diesen Worten zog er mit solcher Gewalt an dem Bart des Spions, daß die Bänder rissen, mit denen er am Kopfe befestigt war; nun erkannte Breydel sein Gesicht. Er stieß ihn mit solchem Ingrimm zurück, daß er gegen einen Pfeiler des Zeltes taumelte.

„O Brakels! Brakels! Eure letzte Stunde ist gekommen!“ rief Breydel, als ob ihn ein Gespenst erschreckte.

Der alte Fleischer, den man ob seiner schlechten Zähne verspottet hatte, sprang auf Brakels zu, griff ihn mit den Händen bei der Kehle und preßte ihn wider den Pfeiler, gegen den ihn Breydel geworfen hatte. Die Augen seines Opfers verdrehten sich in den Höhlen; denn unter dem Griff des Fleischers ging dem Verräter der Atem aus. Er wäre fast erwürgt worden, wenn er nicht durch seine Bemühungen, sich loszureißen, von Zeit zu Zeit Luft bekommen hätte. Das Geschrei der Fleischer hatte viele geweckt; die strömten nun aus allen Zelten neugierig herbei. Der eine kam ohne Koller, der andere ohne Wams. Kaum vernahmen sie die Ursache des Lärms, da verlangten sie wütend, daß man ihnen Brakels überliefern solle.