„In Anbetracht der guten und treuen Dienste, die dem Lande von Flandern und uns selbst von Meister De Coninck und Meister Breydel aus Brügge erwiesen worden sind;
„willens, ihnen beiden, mit Wissen all unserer Untertanen, einen Beweis unserer Gunst zu geben;
„willens auch, ihre edelmütige Liebe zum Vaterland zu belohnen, wie es sich geziemt und gehört, auf daß ihre treuen Dienste bleiben mögen in ewigem Gedächtnis und Andenken;
„also unser Graf und Vater, Gwijde von Flandern, uns die Macht dazu gegeben hat, tun zu wissen:
„Peter De Coninck, Obmann der Wollweber, und Jan Breydel, Obmann der Fleischer, aus unserer guten Stadt Brügge, und ihre Nachkommen bis in ewige Zeiten, sind und sollen bleiben von edelm Blute; genießen die Vorrechte, in deren Genuß die Lehnsherren in unserem Lande von Flandern sind;
„und damit sie in Ehren hiervon Gebrauch machen können, wird jedem von ihnen ein Zwanzigstel des Zolles in unserer guten Stadt Brügge zum Unterhalt ihrer Häuser zugestanden.“
Ehe noch der Herold geendet hatte, übertönte hallendes Jauchzen der Weber und Fleischer seine Stimme. Die große Gunst, die ihren Obmännern bewiesen worden, war auch ein Lohn für ihre Tapferkeit. Ein Teil dieser Ehre mußte auch auf die Zünfte zurückfallen. Wären sie nicht so fest von der Treue und Liebe ihrer Obmänner gegen das Volk überzeugt gewesen, so hätten sie diese Erhebung ohne Zweifel mit Zorn aufgenommen und als eine politische List der Edeln angesehen. Sie würden gesagt haben: So rauben die Lehnsherren uns die Vertreter unserer Rechte und bringen unsere Obmänner auf ihre Seite. In einem anderen Falle wäre dieser Verdacht vielleicht nicht unbegründet gewesen, denn die Menschen lassen sich gewöhnlich durch Ehrfurcht verleiten. Daher ist es nicht zu verwundern, daß das Volk bitteren Haß gegen diejenigen seiner Brüder hegt, die zu hoch emporsteigen. Denn aus edelmütigen Volksfreunden werden sie schlechte, feige Schmeichler und unterstützen die Macht, die sie erhoben hat. Sie wissen, daß sie mit derselben steigen und fallen müssen, und sehen voraus, daß sie das Volk, das sie verlassen haben, als Überläufer verstoßen und verachten wird.
Die Zünfte von Brügge vertrauten zu fest auf De Coninck und Breydel, um in diesem Augenblick solchen Gedanken Raum zu geben. Ihre Obmänner gehörten jetzt zu den Edelleuten; sie hatten nun zwei Leute, die zum Grafenrat zugelassen wurden und den Feinden ihrer Vorrechte frei entgegentreten, sie offen bekämpfen konnten. Sie fühlten, wie sehr ihre Macht hierdurch wachsen mußte, und gaben sich deshalb der ungetrübtesten Freude hin; ihr Jauchzen hallte so lange fort, bis ihnen die Stimme versagte. Dann schwieg der Lärm, und der Jubel war nur noch in ihren Zügen, an ihren Bewegungen zu erkennen.
Adolf van Nieuwland trat jetzt zu den Obmännern und ersuchte sie, vor den Feldherrn zu treten; sie gehorchten und nahten langsam dem Zuge der Ritter.
In De Conincks Zügen war keine Freude zu lesen. Er kam stattlich und ruhig heran, ohne auch nur die mindeste Erregung zu zeigen. Doch in seinem Herzen herrschte innige Zufriedenheit und edler Stolz. Nur hatte seine gewohnte Vorsicht seine Züge so sehr in die Gewalt bekommen, daß man seine Gefühle nur selten aus ihnen entnehmen konnte. Jetzt wollte er sich seine Unabhängigkeit bewahren; wenn man dann einst von ihm etwas verlangen sollte, das dem Vorteil des Volkes zuwiderlief, so konnte er dem Fürsten sagen: Wer hat Eure Gunst verlangt, was habt Ihr mir denn gegeben, daß Ihr nun Unrechtes von mir fordert? – Anders bei Breydel: der hatte seine Empfindungen nie bezwungen; die geringste Regung, das leiseste Gefühl, das sein Herz bewegte, drückte sich in seinen Zügen aus, und man konnte leicht bemerken, daß eine seiner Tugenden seine große Offenherzigkeit war. Auch konnte er die Tränen, die seinen blauen Augen entströmten, nicht zurückhalten; er beugte sein Haupt, um sie zu verbergen, und stellte sich pochenden Herzens neben seinen Freund De Coninck.