„Nein, nein!“ rief Hugo, „ich setze mich nicht nieder, ich verlasse sofort das Heer. Lebt wohl, meine Herren, wir werden einander auf dem Schlachtfeld wiedersehen: Gott behalte euch unter seinem Schutze!“

Damit verließ er das Zelt und rief seine achthundert Mann zusammen; kurz danach hörte man Trompetenschallen und das Waffengeklirr einer abziehenden Rotte. Hugo van Arckel verließ das Lager der Franzosen und kam noch am gleichen Abend zu den Vlaemen, denen er seine Dienste anbot. Es läßt sich leicht denken, mit welcher Freude sie ihn empfingen; denn man rühmte ihn und seine Leute als unüberwindlich, und sie verdienten auch diesen Namen.

Die französischen Ritter hatten sich wieder zu Tische gesetzt und tranken tüchtig. Während sie noch über Hugos Vermessenheit sprachen, trat ein Herold in das Zelt und verbeugte sich ehrerbietig vor den Rittern. Seine Kleidung und seine Waffen waren mit Staub bedeckt, und der Schweiß rann ihm von der Stirn. Alles verriet, daß er in größter Hast herbeigeeilt und fast außer Atem gekommen war. Die Ritter betrachteten ihn neugierig, während er ein Pergament unter seinem Harnisch hervorzog, es dem Feldherrn überreichte und sprach:

„Mein Herr, diese Urkunde wird Zeugnis dafür ablegen, daß ich von Herrn van Lens aus Kortrijk zu Euch gesandt bin, um Euch unsere Not zu klagen.“

„Wohlan, sprecht!“ rief von Artois ungeduldig, „kann Herr van Lens das Kastell von Kortrijk nicht gegen einen Haufen Landstreicher verteidigen?“

„Gestattet mir, Euch zu sagen, daß Ihr Euch täuscht,“ antwortete der Bote. „Die Vlaemen besitzen ein Heer, das keineswegs zu verachten ist; sie sind über dreißigtausend Mann stark und haben Pferde und Kriegsgerät im Überfluß; sie bauen furchtbare Wurfmaschinen, um das Kastell zu bestürmen. Unsere Lebensmittel und Pfeile sind zu Ende, und wir haben bereits begonnen, einige unsrer schlechtesten Pferde zu verzehren. Sollten Eure Hoheit noch einen Tag länger zögern, den Herrn van Lens zu entsetzen, dann werden inzwischen alle Franzosen in Kortrijk erschlagen sein; denn es gibt keinen Ausweg, um zu entkommen. Die Herren van Lens, Montenay und Rayecourt bitten demütigst, daß Ihr sie aus dieser Gefahr erretten wollet.“

„Meine Herren,“ rief Robert d'Artois, „welch herrliche Gelegenheit; schöner können wir sie uns gar nicht wünschen. Alle Vlaemen haben sich bei Kortrijk zusammengerottet! Wir gehen hin, greifen sie an, und es sollen nicht viele von ihnen entkommen; durch die Hufe unserer Rosse soll diesem schlechten Volke sein Recht werden. Ihr, Bote, bleibt im Lager, morgen sollt Ihr mit uns in Kortrijk sein. Nun noch einen Trunk zum Abschied, meine Herren. Geht und rüstet eure Scharen für den Marsch, wir müssen schleunigst aufbrechen.“

Kurz darauf verließen sie das Zelt, um dem Befehl ihres Anführers nachzukommen. Von allen Seiten erklangen die Trompeten, um die Söldner aus dem Felde zurückzurufen; die Pferde wieherten, die Waffen klirrten, kriegerischer Lärm erscholl aus allen Teilen des Lagers. Einige Stunden später waren die Zelte abgebrochen und auf die Troßwagen gepackt, und alles war bereit. Wohl fehlten noch viele Söldner, die sich irgendwo mit Plündern aufhielten; aber das konnte bei einem so zahlreichen Heere nicht auffallen. Nachdem sich jeder Anführer an die Spitze seiner Scharen gestellt hatte, bildeten die Ritter zwei Abteilungen, und das Heer zog in folgender Ordnung aus der Verschanzung:

Die erste Abteilung, die mit fliegenden Standarten aus dem Lager kam, bestand aus dreitausend ausgezeichneten leichtberittenen Kriegern; sie hatten eine lange Streitaxt in der Hand, und lange Schwerter hingen an ihrem Sattelknopf. Ihre Rüstung war nicht so schwer wie die der anderen Reiter; deshalb ritten sie voraus und waren gleichsam für die ersten Plänkeleien bestimmt. Unmittelbar darauf folgten viertausend Bogenschützen zu Fuß; sie schritten stolz und in dichtgeschlossenen Reihen dahin, indem sie ihr Gesicht mit großen viereckigen Schilden vor den Strahlen der Sonne schützten. Ihre Köcher waren mit Pfeilen gefüllt, und ein kurzer Degen ohne Scheide glänzte an ihrem Gürtel. Das waren die Kriegsleute, die aus dem Süden Frankreichs gekommen waren; mehr als die Hälfte waren Spanier und Lombarden. Jean von Barlas, ein tapferer Krieger, ritt neben diesen Scharen auf und nieder und war ihr Oberbefehlshaber.