Es stand zu befürchten, daß der Kastellan van Lens während des Gefechts aus dem Kastell hervorbrach und über die Stadt herfiel. Deshalb ließ man die Yperner aus dem Lager kommen. Sie sollten die französische Besatzung bewachen und einen Ausfall verhindern. Am Steintor wurde eine ansehnliche Wachttruppe aufgestellt, um die Frauen und Kinder innerhalb der Mauern zurückzuhalten. Denn denen war der Schrecken in die Glieder gefahren, und sie wollten noch in derselben Nacht entfliehen. Sie glaubten, den unvermeidlichen Tod vor Augen zu haben: von der einen Seite konnte der Kastellan van Lens jeden Augenblick einen Ausfall aus dem Schlosse machen, und nach der anderen Seite hin war die Aussicht noch furchtbarer. Auf die geringe Anzahl ihrer bewaffneten Brüder hatten sie nicht genügend Vertrauen, um zu hoffen, daß der Sieg auf deren Seite sein werde. Und wirklich: wenn Heldenmut und Furchtlosigkeit die Vlaemen nicht gehindert hätte, die Gefahr zu erkennen, so würden auch sie wohl an ihr letztes Stündlein gedacht haben. Nicht nur besaß ja das französische Heer mehr Fußvolk als das ihrige, sie hatten dort zudem noch zweiunddreißigtausend Reiter zu bekämpfen.

Die vlaemischen Anführer berechneten kaltblütig die möglichen Folgen der bevorstehenden Schlacht; wie groß auch ihre Tapferkeit und Kampflust sein mochte, die Gefahr konnten sie sich nicht verhehlen. Der Heldenmut hindert den Menschen nicht, all des Furchtbaren einer solchen Lage inne zu werden. Er läßt die angeborene Furcht vor dem Tode nicht schwinden; aber er gibt dem Manne Kraft genug, diese niederdrückenden Gefühle zu überwinden. Für sich selbst fürchteten die vlaemischen Führer nicht, aber das Vaterland, die Freiheit, die man gegen eine so ungleiche Macht aufs Spiel setzte, erfüllte sie mit bangem Ahnen. Trotzdem sie also nur schwache Hoffnung hegen durften, beschlossen sie, den Kampf anzunehmen und lieber als Helden auf dem Schlachtfeld zu sterben, als sich schmachvoll zu unterwerfen.

Die junge Machteld wurde mit Adolfs Schwester und mehreren anderen Edelfrauen nach der Abtei von Groeningen gesandt, um da einen sicheren Aufenthaltsort zu haben, wenn die Franzosen sich Kortrijks bemächtigen sollten. Nachdem alles derart angeordnet war, zogen die Ritter sämtlich in das Lager.

Das französische Volk hat immer die anderen Nationen mißachtet und verkannt; Übermut ist ein Hauptmerkmal seines Wesens. Dieser eitle Wahn ist ihnen schon so oft verderblich gewesen! Wie viele Franzosen liegen auf fremdem Boden begraben, die als Opfer ihres Leichtsinns in der Blüte des Lebens gefallen sind!

Der Feldherr Robert d'Artois war zwar ein erfahrener, tapferer Krieger, aber er war zu vermessen; er hielt es in diesem Falle nicht für nötig, vorsichtig zu Werke zu gehen, und stellte sich vor, er würde gleich beim ersten Angriff das vlaemische Volk über den Haufen rennen. Diese stolze Überzeugung erfüllte auch die Herzen seiner Krieger; ja, das ging so weit, daß das französische Heer so ruhig schlief, als ob es irgendwo in einer befreundeten Stadt gelegen hätte, während sich Gwijdes Heer in der Finsternis zur Schlacht vorbereitete. Im Vertrauen auf ihre zahllose Reiterei waren die Franzosen sicher, daß einem solchen Heere nichts widerstehen könne. Wären sie nicht so tollkühn, so anmaßlich zu Werke gegangen, so hätten sie die Stätte, darauf sie kämpfen mußten, wohl erst untersucht und die Vorzüge und Nachteile seiner Lage erwogen. Dann hätten sie gefunden, daß die Bodengestaltung zwischen den beiden Heeren ihre Reiterei unnütz machte. Doch wozu solch überflüssige Sorge? War das vlaemische Heer denn etwa so bedeutend, daß es Vorsicht nötig machte? Robert d'Artois glaubte es nicht.

Die Vlaemen hatten auf dem Groeninger Kouter Stellung genommen. Hinter ihnen gen Norden zog sich die Leye hin, ein breiter Fluß, der jeden Angriff von dieser Seite her unmöglich machte. Vor der Schlachtlinie floß der Groeninger Bach, der durch seine Breite und seine seichten, sumpfigen Ufer der französischen Reiterei ein unüberwindliches Hindernis entgegenstellte. Der rechte Flügel lehnte sich an den Teil der Wälle Kortrijks unweit der St. Martinskirche. Der linke Flügel war durch eine Bucht des Groeninger Baches eingeschlossen, so daß die Vlaemen wie auf einer Insel standen, gegen die ein Angriff sehr schwierig durchzuführen war. Das Gelände, das sie von dem französischen Heere trennte, bestand aus einigen tiefliegenden Weideflächen. Ihr Boden war durch den Mosscherbach, der sich hindurchschlängelte, bewässert und durchweicht. So mußte die französische Reiterei mindestens über zwei kleine Flüsse setzen, ehe sie etwas ausrichten konnte, und diese Hindernisse zu überwinden, war nicht leicht, da die Pferde auf den sumpfigen Ufern keinen festen Grund fanden und bis an die Knie einsanken.

Der französische Feldherr ging zu Werke, als ob er auf hartem, festem Boden zu kämpfen hätte, und entwarf den Angriffsplan in einer Weise, die mit den Regeln der Kriegskunst durchaus nicht in Einklang stand. Daran konnte man wieder sehen, daß allzu großes Selbstvertrauen den Menschen unvorsichtig macht.

Bei Anbruch des Tages, ehe noch die glühende Sonnenscheibe am Horizont erschien, standen die Vlaemen schon in Schlachtordnung am Groeninger Bach. Gwijde führte den Befehl über den linken Flügel. Bei ihm waren alle die kleineren Zünfte von Brügge. Eustachius Sporkijn mit den Leuten von Veurne bildete den Mittelpunkt dieser Abteilung. Die zweite Schar hatte Herrn Jan Borluut zum Anführer und zählte fünftausend Genter. Die dritte Schar unterstand Herrn Wilhelm von Jülich und umfaßte die Weber und Freisassen von Brügge. Der rechte Flügel, der sich an Kortrijks Wälle anlehnte, bestand aus den Fleischern mit ihrem Vorsteher Breydel und den Leuten aus Seeland; Herr Jan van Renesse war ihr Befehlshaber. Die anderen vlaemischen Ritter hatten keinen bestimmten Platz, sie schlossen sich an, wo es ihnen gut dünkte, und wo ihre Hilfe etwa nötig sein konnte; die elfhundert Namurschen Reiter waren hinter der Schlachtordnung aufgestellt. Man wollte von ihnen keinen Gebrauch machen, damit sie keine Unordnung unter das Fußvolk brachten.

Endlich begann sich auch das französische Heer vorzubereiten. Tausende von Trompeten schmetterten gleichzeitig ihre schrillen Töne in die Luft, die Pferde wieherten, und das Waffengerassel war so furchtbar, daß die Vlaemen ein kalter Schauer überkam. Welch eine gewaltige Masse von Feinden sollte auf sie eindringen! Doch die mutigen Männer wurden dadurch nicht aus der Fassung gebracht. Sie gingen dem Tod entgegen, das wußten sie; was aber sollte aus ihren verlassenen Frauen und Kindern werden? In diesem feierlichen Augenblick dachten sie an alles, was sie auf Erden am meisten liebten. Den Vater folterte heftiger Schmerz bei dem Gedanken, seine Söhne den Fremden als Sklaven zurückzulassen; und der Sohn schluchzte wehmütig auf in Erinnerung an seinen kranken, greisen Vater. Furchtlosigkeit und Kummer beherrschten zugleich die Brust der Vlaemen. Wenn diese beiden Gefühle sich angesichts einer drohenden Gefahr verschmelzen, so entsteht daraus verzweifelte Wut. So geschah es auch bei den Vlaemen. Ihre Blicke wurden starr und wild, sie knirschten ingrimmig mit den Zähnen, brennender Durst dörrte ihnen Mund und Gaumen aus, und der Atem ihrer klopfenden Brust war kurz und schwer. Furchtbare Stille lastete auf dem Heere; niemand gab seinen Gefühlen Ausdruck, denn alle waren in düstere Gedanken versunken. So standen sie schon geraume Zeit, in langen Reihen aufgestellt, als sich die Sonne über dem Horizont erhob und ihnen das Heer der Franzosen sichtbar werden ließ.

Der Reiter waren so viele, daß die Speere über den feindlichen Truppen dichter emporragten denn die Ähren eines Kornfeldes. Die Rosse in den vordersten Gliedern stampften ungeduldig und bedeckten ihre eiserne Rüstung mit Flocken weißen Schaumes. Die Trompeten schmetterten wie in festlichem Jubel, und leicht spielte der Wind mit den flatternden Fahnen und Standarten.